06.09.2017 - 20:22 Uhr
Deutschland & Welt

Leserbrief "Was ist denn typisch deutsch?"

In einem Leserbrief hatte Dr. Thomas Bäumler mit den Worten geendet, er nehme gerne "weitere Vorschläge zur typisch ,deutschen Leitkultur'" entgegen. Das hat nun folgende Reaktion hervorgerufen:

von Redaktion OnetzProfil

Vorschläge habe ich nicht, stelle aber dazu Einiges fest: Die Unsitte, Liegestühle am Hotelpool mit Handtüchern zu reservieren, und zwar mit solchen, die den Union Jack trugen, wurde von britischen Touristen in den 1970er Jahren in Spanien angefangen. Die Deutschen revanchierten sich dadurch, dass sie noch früher als die Briten aufstanden und ihnen zuvorkamen. Von wegen typisch deutsch!

Was ist denn dann typisch deutsch? Seit meiner Kindheit fällt mir auf, dass unsere Leute sich ständig darin zu übertreffen versuchen, auf ihr eigenes Land zu schimpfen, auf ihre angeblich spießigen Landsleute, auf unser langweiliges Essen, auf unser Gesundheitssystem, auf unser Schulsystem, etc. Kaum nähert man sich der Grenze, fängt man an, nicht mehr deutsch, sondern denglisch zu reden (was in Frankreich übrigens nicht gut ankommt) und fragt an der Hotelrezeption gar nicht erst, ob da nicht jemand zufällig sogar Deutsch spricht. Die deutsche Sprache ist in der Werbung und sogar aus dem Musikprogramm des Bayerischen Rundfunks so gut wie verschwunden. In vorauseilendem Gehorsam hat die Bundesrepublik 1973 beim Eintritt Großbritanniens in die EU (damals EWG) auf Deutsch als Amtssprache zugunsten des Englischen verzichtet.

Singt man auf einem Ausflugsdampfer auf dem Rhein beim Vorbeifahren an der Loreley Heinrich Heines Lied "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten..", dann bekommt man von irgendwoher das Wort "Nazi" zu hören. Und in dieselbe Ecke wird ein Lehrer heutzutage gerückt, wenn er es allen Ernstes wagt, vor einem Wandertag seinen Schülern deutsche Wanderlieder beizubringen. In München sah ich vor ein paar Monaten an einer U-Bahnstation einen Aufkleber mit der Abbildung eines Kothaufens und der Beschriftung "deutsch mich nicht an!" Germanophobie, also Hass auf alles Deutsche, politische Korrektheit - Entschuldigung, ich meine natürlich "Political Correctness" - das ist paradoxerweise unsere deutsche Leitkultur.

Ich hingegen bin inzwischen trotzdem stolz auf mein Land und meine Mitbürger. In welchem europäischen Land fanden die Flüchtlinge aus dem Orient 2015 und danach so freundliche und warmherzige Aufnahme - sehen wir einmal von Sachsen ab -, während alle unsere Nachbarländer sich von vornherein oder nach und nach abschotteten? Ist diese Gastlichkeit und praktizierte Toleranz nicht auch ein Stück typisch deutscher Leitkultur geworden? Woanders in Europa findet man diese ja bekanntlich nicht.

Aber musste man die Flüchtlinge mit Schildern "Refugees welcome" empfangen? Hier wurde ein falsches Signal gesetzt, denn die hätten "Flüchtlinge willkommen" auch verstanden, aber auch gemerkt, dass wir eine eigene Sprache haben.

Roland Gröger, 92660 Neustadt/WN

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