Marodierender Mob im Hamburger Schanzenviertel
Das bleibt im Kopf

"Wir als Autonome und ich als Sprecher der Autonomen haben gewisse Sympathien für solche Aktionen, aber bitte doch nicht im eigenen Viertel, wo wir wohnen. Also warum nicht irgendwie in Pöseldorf oder Blankenese?" Zitat: Andreas Beuth, Anwalt des linksautonomen Zentrums Rote Flora zu den Krawallen Schanzenviertel

"Ein Festival der Demokratie" sollten die Proteste rund um den G20-Gipfel werden. Doch es kommt ganz anders. Ein Mob marodiert durchs Schanzenviertel. Es herrschen Anarchie und "bürgerkriegsähnliche Zustände".

Hamburg. Der Geruch der Hamburger Chaostage liegt am Sonntagmorgen noch in der Luft. In einem geplünderten Supermarkt ist ein Glutnest aufgeflammt, verbrannte Barrikaden kokeln vor sich hin, überall liegen kaputte Flaschen. Auf dem Weg zum Bäcker umkurven Anwohner auf ihren Rädern die Scherben. Andere sehen in der Straße Schulterblatt mit einem Kaffee in der Hand zu, wie die Stadtreinigung die Spuren der Zerstörung wegkehrt.

Die Ausschreitungen haben mehr als nur zerstörte Straßenzüge hinterlassen. Zurück bleibt Wut. Und Fassungslosigkeit. "Das war Bürgerkrieg. Die Leute wurden im Stich gelassen", sagt Jörg Müller (43), der mit seinem Sohn David im Schulterblatt eben Brötchen gekauft hat. Keiner übernehme dafür die Verantwortung. "Den Gipfel zu schützen, ist ein Ziel gewesen. Aber Anwohnern die bürgerkriegsähnlichen Zustände zu überlassen, geht gar nicht."

Wie er denken viele nach den Gewaltexzessen, die sich über Tage vor ihrer Haustür abspielten. Die über allem thronende Frage: Wie konnte das passieren, wenn man weiß, dass es passiert? "Man hätte denken können, dass die Ausschreitungen so heftig werden", sagt Konstantin (27), seinen kleinen Sohn Noah im Arm haltend. Vor ihrem Haus hätten die Chaoten Barrikaden errichtet: "Da kriegt man schon Angst." Und er habe sich gefragt: "Gibt es noch Tote? Werden Häuser angezündet?" Diese Eindrücke müssten die Leute erst einmal verarbeiten, ist Konstantin sicher: "Das bleibt in den Köpfen."

In den Köpfen wird auch bleiben, dass von Bürgermeister Olaf Scholz im Schanzenviertel lange nichts zu sehen war. Selbst nach der Gewalt in der Nacht zu Samstag, als Chaoten Läden geplündert, Barrikaden angezündet sowie Polizisten attackiert und verletzt hatten, änderte der SPD-Politiker nicht seine Pläne. Er führte US-Präsidentengattin Melania Trump durchs Rathaus. Für die aufgebrachte Psychologin Silka Hagena (52) ist klar: "Ich finde, Herr Scholz sollte seinen Rücktritt einreichen." Denn Scholz habe vor dem G20-Gipfel absolute Sicherheit versprochen. Die Zusage von Scholz und Kanzlerin Angela Merkel (CDU), den Opfern der Krawalle schnell helfen zu wollen, kann ihre Wut nicht mildern.

Über allem die Frage: Wie kann es sein, dass etwa 1500 militante Gewalttäter eine Straße zum rechtsfreien Raum machten, wenn die Sicherheitsbehörden rund 8000 Linksextremisten erwartet hatten? Mit einer Erklärung tun sich alle schwer. Scholz räumt ein, dass er sein Versprechen nicht eingehalten hat. "Das ist sehr bedrückend, dass uns das nicht gelungen ist." Selbst die Autonomen versuchen, sich von der "sinnentleerten Gewalt" im eigenen Viertel zu distanzieren. Rote-Flora-Anwalt Andreas Beuth meint, viele der Gewalttäter seien aus dem Ausland gekommen. Die Polizei weist die Distanzierung zurück und nennt die Rote-Flora-Vertreter "geistige Brandstifter".

Wir als Autonome und ich als Sprecher der Autonomen haben gewisse Sympathien für solche Aktionen, aber bitte doch nicht im eigenen Viertel, wo wir wohnen. Also warum nicht irgendwie in Pöseldorf oder Blankenese?Andreas Beuth, Anwalt des linksautonomen Zentrums Rote Flora zu den Krawallen Schanzenviertel
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