Merkels Ort der Hoffnung

In Essen wurde Angela Merkel erstmals an die Spitze der CDU gewählt. Nun tritt sie dort zum neunten Mal an. Der Parteitag wird ein Gradmesser vor dem großen Wahljahr.

Essen. Sie ist die Hoffnungsträgerin und hält eine fulminante Rede. Die Stunde der Gegner sei vorbei, jetzt werde Klartext geredet, ruft Angela Merkel den Delegierten des CDU-Parteitags in der Essener Grugahalle zu. Sie ist 45 Jahre alt und wird gleich als erste Frau an die Spitze der CDU gewählt. Es ist der 10. April 2000. Die Zeiten für Christdemokraten sind rau. 1998 mussten sie nach 16 Jahren die Macht abgeben, die Partei liegt wegen der Spendenaffäre am Boden, in die ihr Übervater Helmut Kohl maßgeblich verstrickt ist.

Merkel, zuletzt CDU-Generalsekretärin, bekommt ein Traumergebnis von 95,9 Prozent der Stimmen. Der Jubel bei der Verkündung ist groß und dauert sechs Minuten. Manch einer tuschelt aber, die Physikerin aus der DDR, erst Frauen- und dann Umweltministerin im Kabinett von Helmut Kohl - Kohls "Mädchen" - werde nur für eine Übergangszeit Chefin sein. Dann komme ein "richtiger" Vorsitzender. Zwar braucht es zwölf Jahre bis Merkel ihr Ergebnis von damals übertrifft - aber sie ist noch da. Von Kohls "Mädchen" spricht sowieso keiner mehr. Seit 2005 ist sie Bundeskanzlerin, ebenso als erste Frau im Land.

In Hannover stattet der Parteitag sie mit ihrem bisherigen Best-Ergebnis von 97,9 Prozent für das Wahljahr 2013 aus. Nur knapp schrammen CDU und CSU bei der Wahl an der absoluten Mehrheit vorbei. Es werden harte Regierungsjahre für Merkel mit der SPD, aber auch mit der CSU. Mit deren Chef Horst Seehofer überwirft sie sich in der Flüchtlingspolitik. Wer weiß, ob das 2017 noch geheilt wird. Heute jedenfalls will der CSU-Parteivorstand ein mehrseitiges Forderungspapier beschließen, dessen zentrales Ziel eine Begrenzung der Zuwanderung ist. Die wiederum Merkel ablehnt.

Dämpfer - ja oder nein?

Und nun wieder Essen. Grugahalle. Dort soll Merkel morgen zum neunten Mal zur Vorsitzenden gewählt werden. Wieder steht ein Wahljahr bevor. Es wird ihr schwierigster Bundestagswahlkampf, hat Merkel gesagt, als sie ihre erneute Kandidatur für den CDU-Vorsitz und ihre vierte Kanzlerkandidatur bekannt gab. Manche Delegierte könnten hin- und hergerissen sein, ob sie Merkel wegen des ganzen Unmuts über die Flüchtlingspolitik und der Verunsicherung, wie die wachsende Zahl von rechten Populisten in Schach gehalten werden kann, nicht einen Dämpfer verpassen sollten. Merkels schlechtestes Ergebnis war 2004 in Düsseldorf mit 88,4 Prozent. Aber einen Dämpfer ausgerechnet vor einem Wahljahr? Wo sie doch ein rot-rot-grünes Bündnis befürchten? Eigentlich interessiert die CDU da nur eins: Regieren.

Merkel überstand die internationale Finanzkrise, die Euro-Krise, die Griechenland-Krise. Und sie hat Chancen, auch die Flüchtlings-Krise zu überstehen. Dafür hat sie ihren vergleichsweise liberalen Kurs schon massiv verschärft. Es gibt ein härteres Asylrecht, abgelehnte Asylbewerber sollen konsequenter abgeschoben werden. Mit afrikanischen Staaten sollen analog zum EU-Türkei-Pakt Partnerschaften geschlossen werden, um Flüchtlinge noch direkt vom Meer aus zurückschicken zu können. Viel wird darauf ankommen, ob Merkel Vertrauen zurückgewinnen kann. Aber wer außer ihr hätte sonst die Herausforderung der Kanzlerkandidatur übernehmen sollen? In der Union, aber auch im Ausland heißt es, Merkel sei alternativlos. Erst recht nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und dem Rechtsruck in Europa.

Mit Verstand und Herz

Entscheidend dürfte Merkels Rede in Essen sein. Dabei sind Reden nicht ihre größte Stärke. Dennoch kann sie, wenn es darauf ankommt, gerade auf Parteitagen ihre Zuhörer begeistern. Ihr Vertrauter, Unionsfraktionschef Volker Kauder, sagt, Merkel werde am Dienstag eine sehr gute Rede halten - "mit Verstand, aber auch mit Herz". Demnach müsste sie schwere Inhalte von Krieg und Frieden, Finanzproblemen, Rente oder Flüchtlingspolitik verständlich erklären - und das Ganze dann mit Gefühl. Vor fast 17 Jahren hat in der Essener Grugahalle für Merkel an der Spitze der CDU alles begonnen. Sie kehrt jetzt quasi zu den Anfängen zurück. Auf ein "Weiter so" hoffen die Delegierten zumindest in einem Punkt: dass Merkel auch nach der Wahl 2017 Kanzlerin bleibt und die CDU an der Macht.
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