10.01.2018 - 20:26 Uhr
Deutschland & Welt

Milos Zeman Tschechiens republikanischer Monarch

Tschechien wählt am Freitag und Samstag einen neuen Präsidenten. Die besten Chancen hat Amtsinhaber Milos Zeman. Er ist das Zentrum der tschechischen Politik, sein Amt ist qua Verfassung nur repräsentativ, aber kein Regierungschef kommt gegen ihn an. Jenseits der verbalen Europa-Kritik weiß das wirtschaftlich erfolgreiche Land um die Vorzüge der EU - und würde diese nie verlassen.

Der tschechische Präsident Milos Zeman. Archivbild: Petr David Josek/dpa
von Autor SHJProfil

Prag. Wenn Milos Zeman regelmäßig von Prag aufbricht, um über das Land zu fahren, kann er sich leuchtender Augen seiner Fans erfreuen. Bewusst in kleineren Ortschaften trommelt Zemans Entourage seine Anhänger in mit EU-Geldern etwas aufgepeppten früheren sozialistischen "Kulturhäusern" zusammen. Fragende und deren Fragen sind handverlesen.

Bei letzteren kommt immer auch diese: "Werden Sie unser schönes, sicheres Land weiter vor den Horden terroristischer Wirtschaftsflüchtlinge bewahren?" Dann rekelt sich der 73-jährige, 1,87 Meter große und massige Präsident in seinem Sessel, schaut gen Himmel, senkt den Kopf in Richtung der erwartungsfrohen Menge, lächelt huldvoll und setzt mit tiefer Stimme zu seinen Antworten an: "Sehen Sie, das ist so ..." Und dann parliert er eine halbe Stunde mit herausragenden rhetorischen Fähigkeiten, mit Witz und Schlagfertigkeit, über sich und die Welt.

Am Ende eines solchen "Bürgerforums" stützen den Präsidenten Sicherheitsleute beim Aufstehen und beim mühsamen Gang zur gepanzerten Limousine "made by Skoda". Allein kommt Zeman nicht mehr so gut voran. Er hat Zucker und ein Nervenleiden in einem Bein, ist auf eine Gehhilfe angewiesen. Die Krankheit weckt bei vielen Menschen Zweifel, ob er weitere fünf Jahre durchhalten kann. Seine Leibärzte bescheinigten ihm ein paar Tage vor der Wahl eine "tolle Form". Das beruhigt Zemans Anhänger, deren Augen in der Kneipe noch Stunden nach dem Auftritt ihres Idols leuchten: "Der Herr Präsident hat uns besucht. Wahnsinn!"

Republikanischer Monarch

Tschechische Präsidenten sind nach der Prager Verfassung eigentlich nicht viel mehr als ein besserer "Grüßaugust". Doch in Wahrheit ist das Staatsoberhaupt ein Art republikanischer Monarch. Staatsgründer T.G.Masaryk war vor genau 100 Jahren so einer, nach 1989 dann Václav Havel, ein bisschen auch dessen Nachfolger Václav Klaus. Und jetzt Zeman. Alles, was die Staatschefs sagen, kommt wie ein Gesetz daher. Mag der Regierungschef Hundert Mal mehr Befugnisse haben; der - in der Regel wortgewaltige - Präsident ist für die meisten Tschechen der "Chef im Ring". Wenn bei seinem Einzug in einen Raum die Fanfaren aus Smetanas Oper "Libuse" erklingen, steht das Land stramm.

Zeman genießt das besonders vor der Wahl, setzt auf den Bonus des Amtsinhabers. Einer direkten Auseinandersetzung mit seinen acht durchweg braven Widersachern in den Medien geht er aus dem Weg. Er werde auch keinen Wahlkampf wie diese führen, versprach er bei der Ankündigung seiner Kandidatur. Dabei hat er die größten Plakate, gesponsert von Unternehmern, denen Zeman Geschäfte in China oder Russland vermittelt hat. "Elefantenrunden" meidet er; er traut den kritischen Moderatoren wichtiger Medien nicht. Beim "Seidenstraßen-Gipfel" in Peking suchte er vor einer Pressekonferenz seinen russischen Kollegen Wladimir Putin mit einen makabren Scherz zu beeindrucken: "Es sind zu viele Journalisten hier, man sollte sie liquidieren". Das war selbst dem Kreml-Chef zu heftig, der antwortete: "Sie zu beseitigen, ist nicht gleich nötig, aber man kann ihre Zahl reduzieren".

Nur bestimmte Fragen

Die Prager Medien rächen sich auf ihre Weise. Der investigative Kanal DVTV, der wie viele eine Absage für ein Interview bekam, übertrug 20 Minuten das Kamerabild auf den leeren Stuhl für den Präsidenten. Zeman instrumentalisiert lieber den ihm zugeneigten Chef eines privaten TV-Senders, um dort wöchentlich Rede und Antwort zu stehen. Die Fragen dort sind ihm genehm. Auch die der Co-Moderatorin Alexandra Mynárová, die - rein zufällig - die Ehefrau von Zemans Kanzleichef ist. Die "fragt" unter anderem, ob er ihren "so tollen Ehemann" auch künftig als Kanzler beschäftigen würde. Zeman beruhigt sie: "Das weißt Du doch, Alexandra!"

Zeman hat sich in seiner ersten Präsidentschaft vor allem an Umfragen orientiert. "Nur ein Dummkopf ändert seine Meinung nicht", sagt er gern. Hat er 2013 noch die Fahne der EU feierlich auf seinem Amtssitz hissen lassen, vergleicht er heute die Union wie die Mehrheit der Tschechen bestenfalls mit der einstigen Herrschaft der Sowjets über sein Land. Er ist für ein Referendum über den Ausstieg Tschechiens aus der EU, würde aber für den Verbleib stimmen, weil das Land ohne die Vorzüge der Union nicht auskommen würde. China war ihm ewig ein rotes Tuch. Heute sagt er im dortigen Fernsehen, er sei gekommen, "zu lernen, wie man eine Gesellschaft stabilisiert". In seiner Antrittsrede wetterte er gegen die Gefahr des Rechtsradikalismus. 2015 redet er an der Seite eines Mannes, der "Muslime zu Knochenmehl verarbeiten" will.

"Abgeschlossene Sache"

Die Annexion der Ukraine setzte er mit dem Einmarsch 1968 in der Tschechoslowakei gleich. Heute spricht er vor dem Europarat von einer "abgeschlossenen Sache" und fordert das Ende der Sanktionen gegen Moskau. Konsistent bleibt Zeman in der Flüchtlingsfrage, wobei er sich auch mit seinen jetzigen Gegenkandidaten und den übrigen Visegrád-Staaten einig ist. Dabei ist er klug genug, es mit seiner Haltung nicht wie der Ungar Viktor Orbán oder der Pole Jaroslaw Kaczynski auf die Spitze zu treiben. Dazu ist ihm auch die gute Nachbarschaft zu Deutschland zu wichtig. Nur in einem Punkt ist Zeman anderer Meinung als sein Volk: eEr plädiert für die rasche Einführung des Euro, auch, weil sein Land gut aufgestellt ist und alle Kriterien dafür erfüllt.

Zeman kungelt mit den alten Kommunisten ebenso wie mit dem Rassisten Tomio Okamura. Alles mit dem Ziel seiner Wiederwahl. Die scheint ihm sicher zu sein, wenn die Genannten ihre Wähler für ihn mobilisieren. Okamura hat seine Getreuen bereits dazu aufgerufen.

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