18.03.2013 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Mit Gabriele Zinkl ist erstmals eine Frau für kirchliche Eheprozesse in der Diözese zuständig: Spannender als der "Tatort" im TV

Dr. Gabriele Zinkl ist promovierte Theologin, doch an ihrer neuen Arbeitsstätte muss sie vor allem auch psychologisches Fingerspitzengefühl beweisen. Seit September vergangenen Jahres ist die 38-Jährige für kirchliche Ehenichtigkeitsverfahren in der Diözese Regensburg zuständig, als erste Frau in diesem Amt. Ihre neue Aufgabe als Offizialatsrätin am Bischöflichen Konsistorium in Regensburg beschreibt Zinkl als "spannender als der 'Tatort' im Fernsehen".

Gabriele Zinkl mit ihrem wichtigsten "Arbeitsgerät": dem Gesetzbuch des katholischen Kirchenrechts. Die Offizialsrätin am Bischöflichen Konsistorium in Regensburg ist in Floß (Kreis Neustadt/WN) aufgewachsen. Bild: duf
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Zinkl betreut Männer und Frauen, die ihre Ehe annullieren lassen wollen. Die Kernfrage: Ist die Ehe zum Zeitpunkt der Eheschließung gültig zustande gekommen? Um das zu klären, taucht Zinkl tief in das Eheleben der Partner ein, hört intime, manchmal erschreckende Details - auch Gewalt in der Ehe kann ein Anlass für die Annullierung sein. Ein weiterer typischer Grund liegt vor, wenn einer der Partner vor der Eheschließung für sich ausgeschlossen hat, Kinder zu bekommen. Um herauszufinden, ob die vorgetragenen Gründe stimmen, befragt Zinkl nicht nur die Eheleute, sondern auch zwei bis vier Zeugen, meist Familienangehörige oder Freunde, zum Sachverhalt.

Dass sich alle Befragten absprechen und etwas vorflunkern, schließt Zinkl aus. Die Befragung dauere zwei bis drei Stunden pro Person und sei sehr intensiv. "So sehr kann man sich gar nicht absprechen, dass das nicht herauskommt." Hellhörig wird Zinkl etwa, wenn mehrere Befragte für einen Sachverhalt die gleiche Formulierung verwenden - oder vom Dialekt plötzlich ins Hochdeutsche wechseln. In etwa einem von 20 Fällen versuchen die Betroffen zu betrügen, sagt Zinkl.
70 bis 100 Anfragen zur Ehe-Annullierung erhält das Bischöfliche Konsistorium im Jahr. 30 bis 50 Fälle schaffen es vor das kirchliche Gericht. Einen Prozess, bei dem sich alle Beteiligten im Gerichtssaal treffen, gibt es dabei nicht. Nachdem Zinkl alle Betroffenen vernommen hat, gehen die Akten an den Ehebandverteidiger, eine Art Staatsanwalt in kirchlichen Eheverfahren. Er legt Gründe vor, die für die Rechtmäßigkeit der Eheschließung sprechen.

Diözesanrichter

Die Entscheidung liegt letztlich bei drei Diözesanrichtern, allesamt Priester, die unabhängig voneinander ein Urteil fällen. Das Ergebnis - mit 3:0 oder 2:1 der Stimmen - wird den Ehepartnern per Post zugesandt. Die Verfahrenskosten liegen derzeit bei 200 Euro, ein Einspruch bei der nächsthöheren Instanz im Erzbistum München-Freising ist möglich.

Ausdrücklich wünschte sich das Bistum Regensburg für Zinkls Posten, den bisher immer nur Männer inne hatten, eine Frau. Gerade in Gesprächen mit den weiblichen Befragten helfe das durchaus, meint auch Zinkl selbst. Es ist der Kontakt zu den Menschen, den die promovierte Theologin an ihrer Arbeit besonders schätzt. "Ich kenne und mag den Menschenschlag in der Oberpfalz und Niederbayern", sagt Zinkl, die in Floß (Kreis Neustadt/WN) aufgewachsen.
Dass es Zinkl beruflich an das Regensburger Ordinariat verschlägt, war allerdings nicht vorauszusehen. Nach dem Theologie-Studium in Regensburg und München und der anschließenden Promotion nahm Zinkl, die in einer Steuerberater-Familie aufgewachsen ist, eine Stelle bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Bonn an. Als Bildungsreferentin war sie für die katholischen Hochschulgemeinden in der Bundesrepublik zuständig.

Doch als sie im vergangenen Jahr das Angebot des Bistums Regensburg erhielt, Offizialatsrätin zu werden, kehrte Zinkl zurück in ihre Heimat. Das Aufgabengebiet reizte sie. Neben den Eheverfahren gehören auch kirchenrechtliche Tätigkeiten aus dem Bereich des Bischöflichen Ordinariats zu ihren Aufgaben - eine einzigartige Verbindung in Deutschland.

An ihrem neuen Arbeitsplatz fühle sie sich sehr wohl, betont Zinkl. Mit besonderer Freude stellte sie fest, dass im Regensburger Ordinariat inzwischen einige Frauen in mittleren Führungspositionen arbeiten, etwa in der Personal- und Rechtsabteilung. "Ab und zu gehen wir Frauen zusammen zum Mittagessen, das ist manchmal einfach nötig", erzählt Zinkl lachend.
Denn auch wenn die Kirche seit 1983 als Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils zumindest die zweite Führungsebene für Frauen geöffnet hat, sind Zinkls Kollegen zu 90 Prozent Männer. Das führt teilweise zu kuriosen Situationen. Einmal bekam Zinkl einen Anruf von einem Priester, der sich aufgrund der weiblichen Stimme, die er hörte, sicher war, er sei im Sekretariat gelandet. "Können Sie mich mit einem der Herren verbinden?", fragte der Anrufer.

Zinkl kann über solche Vorfälle schmunzeln, das Thema Frauen in der Kirche an sich nimmt sie allerdings sehr ernst. "Was die Wertschätzung von Frauen anbetrifft, muss die Kirche noch viel nachholen", sagt Zinkl, die seit dem Jahr 2011 ehrenamtlich als Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB) tätig ist. Das fange schon bei den ganz jungen Gläubigen an. "Mir tun Diözesen leid, in denen die Mädchen nicht ministrieren dürfen", sagt Zinkl. Sie selbst habe beim Ministrieren in der Pfarrei Floß "die Liebe zum Dienst für die Kirche mitbekommen". In ihrer Eigenschaft als KDFB-Vizepräsidentin höre sie von Frauen auch immer wieder die Klage: "In der Pfarrei sind wir gerade zum Kuchenbacken und für den Blumenschmuck gut genug."

Gleichheit in Gemeinde

Das muss sich ändern, findet Zinkl. Sie fordert, dass Frauen als gleichwertige Glieder in der Pfarrgemeinde akzeptiert werden. Die 38-Jährige weiß aber auch, dass "die Kirche in Jahrhunderten denkt" und ein schneller Wandel unwahrscheinlich ist. Einen ersten kleinen, vielleicht von vielen unbemerkten Schritt zu mehr Gleichberechtigung in der Kirche setzt sie derzeit selbst bei den Anweisungen zur österlichen Bußzeit: In der Anleitung für die Pfarreien hat sie das Wort "brüderlich" in "geschwisterlich" umgeändert.

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