20.02.2018 - 21:24 Uhr
Deutschland & Welt

Nahles tourt durch Deutschland Angst essen Seele auf

Die AfD im Nacken, die ungeliebte Groko im Blick. Die SPD versucht die Kurve zu bekommen, aber im Land wird ein Riss zwischen Basis und Führung sichtbar. Und täglich gibt es eine neue Groteske.

Andrea Nahles, SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzende, und Olaf Scholz, kommissarischer SPD-Parteivorsitzender. Bild: Axel Heimken/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Andrea Nahles rackert sich ab. Sie will die erste Frau an der Spitze der deutschen Sozialdemokratie werden. Landauf, landab ist die SPD-Chefin in spe unterwegs. Schwerte, Augsburg, Hamburg, Hannover, Kamen, Mainz. Aussteigen, kämpfen, streiten, kaum noch Stimme. Abfahren, Telefonieren und Managen im Wagen. Nur ein paar Stunden Schlaf. Nächster Umfrageschock. Weiter, gute Miene machen. Nach turbulenten Tagen stimmen die SPD-Mitglieder seit Dienstag über den mit der Union ausgehandelten Koalitionsvertrag ab.

Und wie in einem schlechten Film gibt es Nebenkriegsschauplätze. So hat der Kanzlerkandidat von 2013, Peer Steinbrück, ein neues Buch angekündigt: "Das Elend der Sozialdemokratie - Anmerkungen eines Genossen." Und in einer Umfrage hat die AfD mit 16 Prozent erstmals bundesweit die SPD überholt (15,5 Prozent). Nach dem Rückzug von Parteichef Martin Schulz und den Chaostagen in Berlin ist der Genosse Trend noch weiter nach unten unterwegs. Nur 13 Prozent der Bürger halten Nahles für fähig, die Probleme des Landes zu lösen.

Die Partei, die sich verdient gemacht hat um Fortschritt und soziale Verbesserungen, ist gerade die Selbstzweifel-Partei Deutschlands. Nahles wirbt auf Regionalkonferenzen um Zustimmung bei der Briefwahl über den Koalitionsvertrag, dessen Ergebnis am 4. März verkündet wird. Viele Genossen loben ihr Werben, ihr Erklären der Inhalte von 8000 neuen Pflegern bis zu sechs Milliarden Euro für die Bildung. Aber es ist ein Misstrauen der Basis gegenüber der Führung zu spüren.

Nahles wird gefragt, warum sie nicht mit Groko-Rebell Kevin Kühnert diskutiert? Auch am Begleitschreiben zum SPD-Votum gibt es Kritik. Das Werben pro Groko wird als arg einseitig bewertet. So ist der Satz zu finden: "Wir als Verhandlungsteam empfehlen Dir aus Überzeugung, mit JA zu stimmen." Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans meint dazu: "Wie freundlich, dass das Komma nicht auch noch um zwei Wörter nach vorn gerückt worden ist." Dann wäre es quasi ein Befehl der SPD-Spitze: "Wir als Verhandlungsteam empfehlen Dir, aus Überzeugung mit JA zu stimmen."

Vor allem junge Mitglieder machen mobil, wie wird sich der angestaute Ärger beim Votum auswirken? Und selbst wenn es gut geht, muss Nahles noch viel Gegenwind bis zum Sonderparteitag am 22. April in Wiesbaden fürchten, wenn das AfD-Hoch zum Dauerzustand wird.

Man fühlt sich mit Blick auf so manchen am Küchentisch über den Wahlunterlagen grübelnden Genossen an den Titel des Melodrams von Rainer Werner Fassbinder erinnert, "Angst essen Seele auf." Vom Herzen her ist eine Mehrheit der rund 463 000 Mitglieder gegen ein "Weiter so". Hieß es doch 2013, jetzt wird alles ganz anders - wir werden Merkel entzaubern.

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