18.10.2017 - 21:42 Uhr
Deutschland & Welt

Parteien tasten sich ab

Sie müssen sich erst noch aneinander gewöhnen. CDU, CSU, FDP und Grüne suchen dreieinhalb Wochen nach der Wahl nach Gemeinsamkeiten. Das ist schwierig - nicht nur für CSU und Grüne.

Gruß vom Balkon: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, von links), Kanzleramtsminister Peter Altmaier und die Fraktionschefin der Grünen Katrin Göring-Eckardt woie Grünen-Chef Cem Özdemir. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Es soll eine Szene voller Symbolik sein - und ein Signal der Gleichbehandlung an FDP und Grüne. Gut gelaunt zeigen sich zuerst Angela Merkel, Horst Seehofer und Christian Lindner kurz nach Mittag im Kreis der Unterhändler von Union und FDP auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft. Die Kanzlerin lächelt, der CSU-Chef auch, aber ein wenig angestrengt. Aus der zweiten Reihe heraus winkt der FDP-Vorsitzende mit einem Schmunzeln. Dann verschwinden die Möchte-gern-Jamaikaner zur ersten Verhandlungsrunde.

Viereinhalb Stunden später: Gleiche Szene, andere Besetzung. Diesmal erscheint die Kanzlerin mit der Grünen-Spitze um Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt auf dem Balkon, Blick Richtung Spree. Merkel und die Grünen winken diesmal Europa-Aktivisten der Bewegung "Pulse of Europe" zu, die von unten "Denkt an Europa" rufen. Nur eine Kleinigkeit ist unterschiedlich: Anders als bei der Schwester-Szene mit den Liberalen halten sich Seehofer und die Seinen jetzt eher im Hintergrund. Zuviel demonstratives Kuscheln muss nun auch nicht sein.

Eindruck täuscht

Das Bild soll aber auch zeigen: Deutschland ist auf dem Weg heraus aus dem Regierungsvakuum, das die Bundestagswahl mit ihren vielen Verlierern vor dreieinhalb Wochen hinterlassen hat. Bei soviel guter Laune zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen könnte man fast meinen, die Sache mit Jamaika sei am Mittwoch schon so gut wie geritzt. Doch der Eindruck täuscht - niemand weiß, ob die Verhandlungen über die für den Bund exotische Konstellation am Ende nicht doch noch platzen. Können CSU und Grüne die Unterschiede überbrücken, die sie jahrzehntelang liebevoll gepflegt haben? Und auch zwischen FDP und Grünen gibt es himmelweite politische Unterschiede.

Hinter verschlossenen Türen versuchen die Spitzen der Union bei Buletten, Kürbissuppe und Blechkuchen erst mit der FDP und später mit den Grünen auszuloten, ob es sich überhaupt lohnt, in die nächsten anstrengenden Verhandlungswochen zu ziehen. Ob das Gemüse zum Menü extra für Özdemir aufgetischt wurde, sozusagen als Zeichen guten Willens in Richtung des Vegetariers? CDU-Generalsekretär Peter Tauber hatte ja gesagt, es gehe darum, "eine Atmosphäre zu schaffen, in der man menschlich und vertrauensvoll zusammenarbeiten kann". Vor allem zwischen CSU und Grünen dürften demnächst wohl öfter die Fetzen fliegen, wenn es um Streitthemen wie Zuwanderung, Agrar- oder Steuerpolitik geht. Kompliziert ist es besonders für Seehofer: Er kämpft zu Hause ums politische Überleben - und muss immer die bayerische Landtagswahl im Hinterkopf haben. Umso bedeutender ist das Zeichen, dass er am Dienstag mit Özdemir und Göring-Eckardt spricht - auf eigenen Wunsch in der Grünen-Zentrale. Wenn das keine vertrauensbildende Maßnahme ist.

Wie beim Sport

Am Ende von Verhandlungstag Nummer eins wird deutlich: Mit den Grünen dürfte es gerade bei der CSU noch stärker haken als mit den Gelben. Auch wenn sich Seehofer ganz zufrieden gibt: "Nicht schlecht für den ersten Tag." Es sei eben wie im Sport, wo die ersten Minuten "zum Warmmachen, zum Abtasten" da seien. CDU-Mann Tauber versucht wie schon nach dem Treffen mit der FDP, staatstragend das Positive herauszustellen. Er vertritt hier ja quasi die Kanzlerin - und die will am Schluss unbedingt in Jamaika ankommen.

Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner frozzelt, er komme ja gestählt aus zwei Elternabenden. Im Vergleich dazu "war das heute ein gutes Gespräch, es war ein konstruktives Gespräch". Als letzter verkündet CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer nach der Runde mit den Grünen etwas verkniffen: "Wahlkampf beendet. Treffen wichtig. Atmosphäre okay." Am Nachmittag, beim Auftritt von Tauber, Scheuer und FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, hatte schon die Choreographie gezeigt, wie weit Jamaika von einer Einigung entfernt ist. Nacheinander treten sie vor das Mikrofon, nicht gemeinsam.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.