22.12.2017 - 20:10 Uhr
Deutschland & Welt

Prävention soll radikale Islamisten stoppen: Salafisten und IS: "Weltbild knacken"

Berlin. Plötzlich ändern sich Kleidung, Freunde und Verhalten - und mancher ist von heute auf morgen gar ganz verschwunden: Auf die islamistische Radikalisierung einer rasch steigenden Zahl junger Menschen und die Ausreise einiger zur Terrormiliz Islamischer Staat reagierten Eltern, Bekannte oder Lehrer oft ratlos.

Broschüren zum Salafismus liegen bei einer Expertentagung des Landespräventionsrates in Hannover. Das Aussteigerprogramm für Islamisten in Niedersachsen stößt auf gute Resonanz. Archivbild: Julian Stratenschulte/dpa
von Agentur DPAProfil

In den meisten Bundesländern gibt es mittlerweile Präventionsangebote, die der Propaganda radikaler Salafisten Paroli bieten und Betroffene und ihr Umfeld beraten. Aussteigerprogramme zielen auch auf Syrienrückkehrer, die die Behörden als ein besonderes Sicherheitsrisiko sehen. Ein Patentrezept gegen die Radikalisierung ist noch nicht gefunden. "Da die Radikalisierung nicht immer in eine Richtung läuft, braucht es unterschiedliche Ansätze", sagt der Geschäftsführer des mit Präventionsprogrammen unter anderem in Berlin, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg aktiven Violence Prevention Network (VPN), Thomas Mücke.

Wichtig sei es, die Themen der islamistischen Szene genau zu kennen. "Man braucht theologische Kenntnisse, sonst wird man nicht akzeptiert." Aussteiger meldeten sich nicht von sich aus. "Die Szene kommt nicht auf einen selber zu, man muss sie ansprechen." Da Salafisten oft junge Menschen seien, gebe es durchaus gute Erfolgschancen.

In Niedersachsen arbeitet das VPN-Netzwerk mit sämtlichen der über 30 Inhaftierten aus der Islamistenszene. Das Weltbild der Islamisten lasse sich nicht mit Gewalt knacken, vielmehr müsse gewartet werden, bis ein Häftling sich für ein Gespräch öffnet, sagt Mücke. "Wir sagen nicht: 'Du hast Unrecht'. Wir wollen, dass die Leute wieder anfangen selbstständig zu denken."

Wichtig sei es, den Kontakt zum Elternhaus zu stabilisieren, sagt der Leiter der Beratungsstelle gegen islamistische Radikalisierung in Niedersachsen, Christian Hantel. Die Präventionsstelle fädelt nach einem Erstkontakt direkte Gespräche mit dem Umfeld oder auch den Betroffenen ein. Diese sind zumeist zwischen 12 bis 30 Jahre alt, junge Frauen machen inzwischen knapp ein Drittel der Fälle aus. In Nordrhein-Westfalen, wo etwa 3000 der bundesweit inzwischen mehr als 10 000 Salafisten leben, gibt es in zahlreichen Städten schon länger Beratungsstellen des Präventionsprojekts "Wegweiser". Am Aufbau beteiligt war der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer, der deutschlandweit einen guten Fortschritt sieht beim Ausbau der Präventionsarbeit. Es werde viel getan zur Sensibilisierung, beim Aufbau von Beratungsstellen und Lehrkräften werde beigebracht, wie sie mit dem Phänomen Islamismus umgehen können

Mit der Radikalisierungs- und Ausreisewelle kam die Aufforderung aus der Politik, die muslimischen Verbände sollten selber aktiv werden gegen eine islamistische Indoktrinierung junger Menschen. Ein Einbinden der Verbände gelang dort leichter, wo Landesregierungen ohnehin schon eng mit der muslimischen Gemeinschaft zusammenarbeiten.

Schwierig ist die Situation in Ostdeutschland, wo es wenige muslimische Institutionen und etablierte Kontakte mit Behörden gibt, weil Migranten dort erst kürzer und in geringerer Zahl präsent sind. Alle Anstrengungen in den Bundesländern aber haben eins gemein, wie Islamwissenschaftler Kiefer sagt: "Auch eine fachlich einwandfreie Präventionsarbeit kann Risiken minimieren. Aber es besteht ein Restrisiko, dass dennoch etwas passiert."

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