05.09.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Rettung nach 80 Tagen Belagerung: Die Bewohner wollten sich eher umbringen, als sich der ... Kleinstadt Amerli feiert ihre Befreier

Endlich Wasser: Nach 80 Tagen Belagerung durch die Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat kam die Rettung. Soldaten verteilen Nahrungsmittel an die Einwohner der Kleinstadt Amerli. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

"Willkommen, willkommen! Allah sei mit euch, dass ihr uns das Leben gerettet habt!" - Hunderte Menschen drängen sich entlang der staubigen Landstraße durch die irakische Kleinstadt Amerli, um Soldaten der irakischen Armee, schiitische Milizen und kurdische Peschmerga-Kämpfer willkommen zu heißen.

Der Hilfskonvoi, beladen mit Lebensmitteln und Wasser, rollt langsam in die Stadt hinein. Soldaten werfen Wasserflaschen zu den Kindern, die neben den Fahrzeugen der Befreier herrennen. "Wir glaubten, dass wir diesen Tag nie erleben würden. Wir fürchteten um unser Leben", sagt Ainur Mohammed. Zusammen mit ihren fünf Kindern schaut die Frau auf die Freudenszenen. Sie hat Tränen in den Augen.

Küsse für die Soldaten

"Es waren schlimme Monate. Mein Mann und ich dachten schon daran, unseren Kindern das Leben zu nehmen, falls die Dschihadisten in Amerli eindringen sollten. Wir wollten verhindern, dass sie sie köpfen oder erschießen, wie sie es in Mossul getan haben", sagt die Frau, ebenso verängstigt wie erleichtert.

Die Schüsse in die Luft werden zur Begleitmusik des Triumphzuges. Es gibt nicht einen einzigen Bewohner der Stadt, der den Sieg nicht auf der Straße feiert. Einige Einwohner geben den Soldaten Wasser, fotografieren, umarmen und küssen sie. Die Uniformierten danken für die Zeichen der Zuneigung. "Wir haben alle Dörfer rund um Amerli von Terroristen gesäubert und geschafft, dass sie sich zurückzogen. Diese Schlacht ist der erste große Sieg für uns, aber es wird nicht der letzte sein", versichert der Peschmerga-Hauptmann Nooraddin Sabir.

Der Alptraum hatte begonnen, als vor rund 80 Tagen Einheiten des Islamischen Staates (IS) den rund 150 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen und in seiner Mehrheit von Turkmenen bewohnten Ort umzingelten. Nach der Einnahme Mossuls, der zweitgrößten Stadt des Iraks, herrschte unter den Einwohnern die nackte Angst. Wenige Tage vor der Befreiung schlossen sie einen Pakt, dass sie gemeinsam Selbstmord begehen würden, sollten die radikalen Islamisten auch nur einen einzigen Fuß in die Stadt setzen. Sie hätten es vorgezogen, sich das Leben zu nehmen, statt bei einer Massenhinrichtung zu sterben oder zu Sklaven zu werden.

Womit die Dschihadisten nicht gerechnet hatten, war der erbitterte Widerstand der Einwohner. Die Bewohner von Amerli, in ihrer Mehrheit Kleinbauern, entschlossen sich im Juni, ihre Äcker liegen zu lassen und zu den Waffen zu greifen. Jeder Mann wurde zu einem Soldaten und jeder Soldat wurde zur letzten Verteidigungslinie zwischen den Dschihadisten und der Zivilbevölkerung. "Mein Vater gab mir eine Waffe und nahm mich mit an die Front, um meine Familie zu verteidigen", sagt der kleine Ali Wasam. Mit seinen nur 14 Jahren weiß dieser Junge, was es heißt, die Heerscharen des Islamischen Staates zu bekämpfen. "Die Panzer feuerten unaufhörlich auf unsere Stellungen. Es gab viele Scharfschützen, aber ich hatte niemals Angst, denn ich wusste, dass sie meine Mutter und meine Geschwister töten würden, wenn ich mich ergebe. Und das gab mir die Kraft weiterzukämpfen", erzählt der Junge, während ihn sein Vater stolz anschaut.

20 Zivilisten starben

Zu Beginn der Kämpfe um Amerli kamen noch Hilfskonvois der irakischen Armee durch, bis dann die Landstraße in die Hände der Islamisten fiel und die Einwohner auf ihre eigenen kargen Reserven an Nahrungsmitteln und Trinkwasser angewiesen waren. "Nach und nach ging das Essen zur Neige und auch das Wasser. Die Konvois kamen nicht mehr, einmal warf irgendein Hubschrauber Lebensmittel ab", erinnert sich die 70-jährige Um Ahmad. Einer ihrer Enkel starb an Entkräftung. "Wir mussten abgestandenes Wasser trinken. Wasser aus den Pfützen. Viele haben das nicht vertragen und starben", erinnert sie sich.

Die Belagerung Amerlis kostete rund 20 Zivilisten das Leben. "Wir waren mehr als 50 Tage ohne frisches Wasser, ohne Strom, ohne Mehl für das Brot", erinnert sich Um Yosef, die sich einem mit Wasser beladenen Lastwagen nähert. Zwei Soldaten geben ihr zwölf Flaschen, die Frau weint vor Glück.

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