09.09.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Roma müssen selbst um Begräbnisbeihilfen betteln: Armut in der Slowakei

von Redaktion OnetzProfil

Das Wirtschaftswunderland Slowakei, auf dessen Steuermodell in diesen Tagen neidisch auch einige Wahlkämpfer in Deutschland schielen, hat ein neues soziales Problem. Es trifft wieder einmal die Roma, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. In der größten Roma-Siedlung der ostslowakischen Stadt Kosice, deren Name Lunik IX in bizarrer Weise zu der Mondlandschaft mit abrissreifen Plattenbauten passt, betteln die Menschen nach Presseberichten vermehrt um staatliche Hilfe. Der Grund: viele Roma haben nicht einmal mehr das Geld, ihre verstorbenen Angehörigen würdig zu begraben.

Selbst 175 Euro zuviel

7000 Kronen (175 Euro) kostet die primitivste Beerdigung, für eine ordentliche müssen 17 000 auf den Tisch gelegt werden. Ein Sarg ist nicht unter 3800 Kronen zu haben, die Ausstattung kostet noch einmal 5000 Kronen. Für die meisten Familien ist das völlig unerschwinglich.

Die Roma nicht nur in Kosice sind noch weiter an den gesellschaftlichen Rand gedrückt worden, seit die Regierung von Ministerpräsident Mikulas Dzurinda die Sozialhilfe drastisch gekürzt hat. Anfang März 2004 wurde der Grundbetrag von 4000 auf 2000 Kronen halbiert. Für dieses Geld könnte man nicht einmal eine kleine Trauerhalle für 15 Minuten mieten. Die meist kinderreichen Familien bekommen unabhängig von der Kinderzahl maximal 4210 Kronen (104 Euro). Das Kindergeld, das früher zwischen 1000 und 1600 Kronen lag, ist für Sozialhilfeempfänger abgeschafft worden.

Und die Sozialhilfe ist für die meisten in Lunik IX die einzige Einnahmequelle. Die Arbeitslosigkeit unter der arbeitsfähigen Bevölkerung liegt in der 6000-Menschen-Siedlung bei fast 100 Prozent. "Ich habe Verständnis für die Bitten der Leute nach Begräbniszuschüssen", sagt die Verwaltungsmitarbeiterin Beata Suchackova. "Den Roma sind Dinge wie Taufe, Hochzeit oder Begräbnis ganz wichtig. Sie sollen so würdig wie möglich ablaufen. Doch angesichts der katastrophalen sozialen Lage fast aller hier, hat niemand mehr Geld für so etwas."

"Mittlerweile muss sich die Verwaltung schon um 80 Prozent der Begräbnisse kümmern", berichtet Gabriela Germekova vom örtlichen Bestattungsinstitut Ave Plus. Sie spricht von "problematischen Begräbnissen", deren Zahl von Jahr zu Jahr steige. Mangelndes Geld führe dazu, dass die Toten vielfach erst nach der traditionell maximalen Frist von 96 Stunden nach ihrem Ableben unter die Erde kommen.

Wie schlimm die Zustände sind, verdeutlicht ein Fall, den die Zeitung Sme schilderte. Danach wurde die Verwaltung in Kosice darüber informiert, dass in der Pathologie seit acht Monaten ein gleich nach der Geburt verstorbener Junge in der "Kühlbox" liege. Da sich niemand um das tote Kind kümmerte, wurde es auf Staatskosten begraben. Die Mutter oder Verwandte ließen sich nicht ausfindig machen. Vermutlich, so hieß es, hatten auch die kein Geld für die Beerdigung und aus Scham bei der Verwaltung nicht um einen Zuschuss betteln wollen.

Schuldenberg

Die Verwaltung in Lunik IX hat im übrigen ihren Etat für Beerdigungsbeihilfen für dieses Jahr mehr als überschritten. Sie schuldet den Beerdigungsinstituten schon rund 60 000 Kronen. Wie die Roma ihre Toten jetzt unter die Erde bringen sollen, weiß man in der Behörde nicht zu sagen.

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