Sein Stuhl bleibt leer
Trauer um Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo

Urkunde und Medaille des Nobelpreises für den chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiabo liegen am 10. Dezember 2010 in Oslo auf einem Stuhl. Das Bild im Hintergrund zeigt Liu. Bild: Heiko Junge/SCANPIX NORWAY/dpa

Berufsverbot, Zwangsarbeit, Gefängnis: Liu Xiaobo erlebte die Repression in China ihrer vollen Härte. Doch Bitterkeit blieb ihm fremd. Aus Sicht des Apparats war er wegen seiner Offenheit und Fähigkeit zum Dialog besonders gefährlich.

Peking/Frankfurt . Ihn traf eines der härtesten Urteile, das damals in China gegen Dissidenten erging. Der Literaturkritiker Liu Xiaobo wurde Ende 2009 in einem Schnellprozess zu elf Jahren Haft verurteilt. Schuldig wegen "Anstiftung zum Umsturz der Staatsmacht", befand das Gericht nach seinen Aufrufen zu schrittweisen und friedlichen politischen Reformen. Eine bittere Zeit begann.

Auch der Friedensnobelpreis 2010 brachte Liu Xiaobo keine Freiheit. Bei der Preisverleihung in Oslo blieb sein Stuhl auf der Bühne leer - eine flammende Anklage der Unterdrückung in China. Lange hörte man nichts von Liu aus dem Gefängnis. Ende Juni wurde er schließlich "auf Bewährung" aus der Haftanstalt entlassen und mit Leberkrebs im Endstadium in ein Krankenhaus gebracht. Nach weniger als drei Wochen starb er nun in der Klinik. Sein Wunsch, in einem freien Land zu sterben, blieb ihm verwehrt.

In den Augen des Regimes wurde Liu zum "Staatsfeind", weil er die "Charta 08" für Meinungsfreiheit, eine unabhängige Justiz und freie Wahlen in China mitverfasst und koordiniert hatte. Das Manifest wurde 2008 veröffentlicht, als die Olympischen Spiele in Peking stattfanden, und wurde von mehr als 10 000 Menschen unterzeichnet. Darunter waren Dissidenten, aber auch Reformer innerhalb des chinesischen Ein-Parteien-Systems. Noch im selben Jahr wurde Liu inhaftiert. Seine Frau, die Malerin, Fotografin und Lyrikerin Liu Xia, wurde unter Hausarrest gestellt, ihr Bruder später zu Haft verurteilt.

Trotz aller Repressionen verfiel Liu offenbar nicht in Bitterkeit. "Ich habe keine Feinde" lautet der Titel eines seiner Essays aus dem Gefängnis. Er las unter anderem Schriften des deutschen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis ermordet wurde. "Er hat immer gesagt, er will lieber im Gefängnis in China bleiben, als im Ausland in Freiheit", sagte seine Frau einmal. Doch je schlechter Liu Xiaobos Zustand wurde, desto mehr hofften die beiden verzweifelt, im Ausland Ruhe und gute medizinische Versorgung zu finden. Vergeblich.

Liu nahm eine besondere Rolle ein. Am 28. Dezember 1955 in der der Provinzhauptstadt Changchun im Nordosten geboren, machte er sich zunächst als Literaturkritiker und Philosophie-Dozent einen Namen. Sein politisches Engagement rührte aus Erfahrungen während der Kulturrevolution in den 1970er Jahren.

Zu den radikalsten Regimekritikern gehörte er nicht. Gleichwohl war Liu mehrfach in Haft. Er war auch Mitbegründer und langjähriger Präsident des unabhängigen chinesischen PEN-Zentrums, dem heute rund 300 Publizisten im In- und Ausland angehören. Mit der "Charta 08" lehnte er sich an die "Charta 77" an, mit der Vaclav Havel andere Freiheit und demokratische Rechte einforderten.
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