11.07.2017 - 21:12 Uhr
Deutschland & Welt

Sieg über IS in Mossul Zerstörung bis zum Horizont

Die irakische Armee feiert den Sieg über die Terrormiliz IS in Mossul. Drei Jahre lang kontrollierten die Dschihadisten die Millionenstadt im Nordirak. Die Probleme werden mit der Eroberung der Stadt aber nicht kleiner.

Die zerstörte Altstadt von Mossul. Nach drei Jahren Besetzung durch den IS ist der irakischen Armee der Durchbruch bei der Rückeroberung der Stadt gelungen. Bild: AFP/Ahmad Al-Rubaye
von Agentur DPAProfil

Mossul/Bagdad. Kurz bevor der Sturm der irakischen Armee auf Mossul beginnt, wird Abu Haidar vom IS gezwungen, sein Heimatdorf Tel Arbid im Umland der Millionenstadt zu verlassen und nach West-Mossul zu gehen. Die Menschen seien in den Häusern eingeschlossen worden, erzählte Abu Haidar der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Manche Türen seien mit Sprengfallen versehen worden, damit niemand flüchten konnte. "Wir waren menschliche Schutzschilde."

Andere Überlebende aus Mossul berichten von Zivilisten, deren Körper an Strommasten aufgehängt worden seien, weil sie versucht hätten, zu fliehen. Mit der Eroberung von Mossul durch die irakische Armee ist dieser Terror vorbei - aber viele Probleme bleiben.

Auch in Syrien Erfolge

Am Montagabend verkündete der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi den endgültigen Sieg über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Mossul, wenngleich sich noch vereinzelt Kämpfer in der Stadt aufhalten sollen. Das IS-Sprachrohr Amak verbreitete auch am Dienstag noch Meldungen im Internet, nach denen "Soldaten des Kalifats" mehrere Soldaten der irakischen Armee getötet hätten. In sozialen Netzwerken bauen Unterstützer der Dschihadisten ein neues Narrativ auf: Die Schlacht um Mossul mag zwar verloren sein, aber der Krieg geht weiter!

Denn obwohl die Extremisten ihre größte Hochburg im Irak verloren haben und auch im syrischen Al-Rakka vor einer Niederlage stehen, sind sie noch lange nicht besiegt. Selbst wenn der IS das verliert, was ihn von anderen Terrororganisationen unterscheidet - ein Herrschaftsgebiet - lebt die Ideologie in den Köpfen von Unterstützern und Kämpfern weiter. Und die Gefahr von einzelnen Anschlägen, wie man sie in den vergangenen Monaten in vielen Teilen des "vom IS befreiten" Irak gesehen hat, ist weiterhin hoch.

Wiederaufbau beginnt

Inzwischen kehren die ersten Menschen wieder zurück. Vor allem östlich des Flusses Tigris, dessen Ufer schon länger von den Dschihadisten befreit sind, fangen die Bewohner an, ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Luftaufnahmen des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen UNHCR zeigen zerstörte Straßenzüge, Trümmer liegen am Straßenrand, zwischendurch sind Dächer durch Bomben eingestürzt. Fast 900 000 Menschen waren vor der Gewalt und den Kämpfen geflohen. Die UN rechnen damit, dass allein für den Aufbau der grundsätzlichen Infrastruktur rund eine Milliarde US-Dollar (etwa. 880 Millionen Euro) ausgegeben werden müssen. Strom- und Wassernetzwerke sind zerstört, dazu Schulen und Krankenhäuser.

"Die Menschen haben in der Regel alles verloren", sagte die Regionalsprecherin der Welthungerhilfe, Stephanie Binder, am Dienstag der "Heilbronner Stimme". Viele Menschen seien schwer traumatisiert. Wegen des Militärkonflikts sei der Zugang zu den Menschen weiterhin schwierig. "Ein Ende der humanitären Krise im Irak ist auch nach der offiziellen Rückeroberung Mossuls nicht in Sicht", sagte Binder. Im Irak feiern die Menschen jedoch erst einmal, trotz aller ungelösten Probleme. Eine Woche lang soll - staatlich verordnet - die Befreiung Mossul gefeiert werden. In den Straßen Bagdads gab es schon während der Nacht traditionelle Tänze und Musik. Die Probleme werden aber nicht geringer.

Hintergrund

Nach der Befreiung von Mossul hat Amnesty International auch Vorwürfe gegen die irakische Armee und die US-geführten Koalitionstruppen erhoben. Im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) seien unverhältnismäßig schwere Waffen eingesetzt worden, erklärte die Menschenrechtsorganisation am Dienstag in London. So seien bei einem US-Luftangriff auf die irakische Stadt am 17. März mehr als 100 Zivilisten getötet worden. Dem IS legten die Vereinten Nationen schwere Kriegsverbrechen zur Last. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Ra'ad al-Hussein, erklärte in Genf, viele Menschen hätten unter dem IS in Mossul die "Hölle auf Erden" durchlitten. Zehntausende seien vertrieben und als Schutzschilde missbraucht worden. Umso wichtiger ist es laut Al-Hussein, dass bei der Aufarbeitung der Terrorherrschaft Recht und Gesetz im Mittelpunkt stünden. Für Rache dürfe kein Platz sein. Die Terrormiliz hatte die Stadt 2014 unter ihre Kontrolle gebracht. Am Montag erklärte die irakische Regierung die Stadt nach monatelangen Kämpfen für befreit. Amnesty zufolge verfehlten US-geführte Truppen und irakische Streitkräfte im Kampf um Mossul regelmäßig ihr militärisches Angriffsziel. Stattdessen seien Zivilisten verletzt und getötet worden, heißt es in einem Bericht, der auf Eigenrecherche beruht. (epd)

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