24.08.2017 - 21:42 Uhr
Deutschland & Welt

Studie zur Integration von Muslimen Miteinander oder Nebeneinander

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung beurteilt die gesellschaftliche Teilhabe der Muslime in Deutschland relativ positiv. Auf jeden Fall läuft es besser als in Österreich oder Frankreich.

Eine türkische Frau schreibt im Schulungsraum einer interkulturellen Frauenbegegnungsstätte in Hamburg an die Tafel. Bild: Patrick Lux/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin/Gütersloh. In Deutschland haben muslimische Einwanderer häufiger einen festen Job als in Frankreich. Die Studie "Muslime in Europa - Integriert aber nicht akzeptiert?" zeigt, dass Muslime hierzulande im Schnitt früher Deutsch sprechen als ihre Glaubensbrüder in Österreich. Trotzdem haben 37 Prozent von ihnen schon Diskriminierung erlebt. Vielleicht noch gravierender: Jeder fünfte Deutsche will keine Muslime in der Nachbarschaft.

Wie passt das zusammen?

Die Studie misst die klassischen Indikatoren für Integration: Erwerbstätigkeit, Sprache, Bildungsabschlüsse und Kontakte in der Freizeit. Ob die Muslime deutsche, türkische oder arabische Medien nutzen, ob sie Literatur in der Sprache der alten oder der neuen Heimat lesen, erfahren wir aber nicht. Auch über die Qualität der von den Forschern abgefragten "Freizeitkontakte" wissen wir wenig. Ein Beispiel: Florian und Ömer spielen in der D-Jugend zusammen im Fußballverein. Aber lädt Florian seinen türkischstämmigen Mitspieler auch zur Geburtstagsfeier ein? Erlauben Ömers Eltern, dass er die Feier besucht?

Welche Qualität von Kontakten gibt es?

Nach Angaben von Detlef Pollack, Religionssoziologe des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Uni Münster gibt es wissenschaftliche Standards, um solche Kontakte zu bewerten. "Dabei wird nach dem Ort, also Kontakt am Arbeitsplatz, in der Freizeit, in der Nachbarschaft oder unter Freunden unterschieden", sagt Pollack. Wichtiger aber sei, ob es Kontakte zu Höhergestellten wie Vorgesetzten gibt und ob sie freiwillig oder erzwungen sind. Die Einladung zum Kindergeburtstag sei für die Bewertung von Integration hoch einzuschätzen.

Woher rühren die Vorbehalte gegenüber Muslimen?

Das ist eine komplexe Gemengelage. Ein wichtiger Faktor ist in Europa die Angst vor islamistischem Terror. Die Terroranschläge haben dazu geführt, dass die Religionszugehörigkeit von Migranten stärker thematisiert wird. Etwa von deutschen Musliminnen hört man häufig Sätze wie: "Erst war ich für die Deutschen die Ausländerin, dann die Türkin, jetzt bin ich die Muslimin." Außerdem treten die in Deutschland sozialisierten Muslime der zweiten und dritten Generation selbstbewusster auf als ihre Vorfahren, die sich oftmals nur auf einen zeitlich begrenzten Aufenthalt in Deutschland eingestellt hatten.

Wovon hängt eigentlich ab, ob die Integration in einem Land glückt?

Die Bertelsmann-Stiftung misst staatlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die größte Bedeutung zu. Doch Studien zeigen: "Die Familie spielt die wichtigste Rolle in der Vermittlung von Werten." Zudem gibt es noch andere Faktoren, die beeinflussen, wie viel Anstrengung notwendig ist, damit Integration gelingt: Weshalb sind die muslimischen Migranten in ein bestimmtes europäisches Land gekommen und aus welchen Staaten kommen sie? Aus welcher sozialen Schicht stammen sie? Sind es vor allem Arbeitsmigranten wie bei den Türken in Deutschland? Kamen sie als Kriegsflüchtlinge, wie die Kosovo-Albaner in der Schweiz? Und: Welchen religiösen und kulturellen Hintergrund haben sie?

Gibt es Kritik an der Studie?

Professor Pollack von der Uni Münster kritisiert, dass die Wissenschaftler einseitig die Situation des aufnehmenden Landes beleuchtet haben. Er vermisst den Blick auf die Migranten und deren Möglichkeiten, sich zu integrieren. Wegen verschiedener Herkunftsländer hält er Vergleiche für kaum möglich. Bei der Bereitschaft der Bevölkerung zur Integration fordert Pollack dazu auf, den Blickwinkel zu verändern. "Es ist doch erstaunlich: Über 80 Prozent der Deutschen hätten mit muslimischen Nachbarn kein Problem!"

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