Terror in der Silvesternacht
Der türkische Alptraum geht weiter

Die Türkei kommt nicht zur Ruhe: Familienangehörige und Freunde trauern um eines der Opfer des Anschlags auf den Istanbuler Nachtclubs Reina. Nach Regierungsangaben wurden dabei 39 Menschen getötet und mehr als 60 verletzt. Bild: dpa
 
"Die nationale Einheit, territoriale Integrität, Institutionen, Wirtschaft, Außenpolitik, kurz alle unsere Elemente, die uns als Staat aufrecht erhalten, werden scharf angegriffen." Zitat: Recep Tayyip Erdogan in seiner Neujahrsansprache

Die Türkei ist 2016 von einem Terroranschlag nach dem nächsten erschüttert worden. In der Silvesternacht versammeln sich Hunderte Menschen im Istanbuler Club Reina, um das neue Jahr zu begrüßen. Gerade einmal 75 Minuten dauert es, bis auch 2017 zum Alptraum wird.

Istanbul. Das neue Jahr beginnt in der Türkei so bitter, wie das alte geendet hat: Mit Terror - und mit Toten. Hunderte Menschen sind im Istanbuler Club "Reina" zusammengekommen, um 2017 zu begrüßen. Der Nachtclub im schicken Ausgehviertel Ortaköy ist einer der größten und berühmtesten in der Millionenmetropole, er liegt am europäischen Bosporus-Ufer - mit spektakulärem Blick aufs Lichtermeer der asiatischen Seite Istanbuls. Ein toller Ort, um Silvester zu feiern. Doch gegen 1.15 Uhr wird aus der Party ein Blutbad.

Mindestens ein Angreifer dringt in die Disco ein und schießt auf die Feiernden. Dutzende Menschen sterben, darunter auch zahlreiche Ausländer. Die türkische Regierung spricht von einem einzelnen Terroristen. Die Nachrichtenagentur DHA berichtet dagegen von zwei Angreifern, die Weihnachtsmannkostüme getragen haben sollen - wofür es aber keine offizielle Bestätigung gibt.

Von Anschlag zu Anschlag

Nicht nur gelingt es den Sicherheitskräften nicht, den Anschlag zu verhindern. Auch mindestens ein Angreifer entkommt - und läuft am Neujahrstag womöglich unerkannt und bewaffnet durch Istanbul. Die Beteuerungen nach dem Blutbad gleichen denen der vergangenen Wochen und Monate: Der Kampf gegen den Terrorismus werde entschlossen fortgeführt, kündigt Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ein weiteres Mal an. Die Türkei werde alles Nötige tun, um "die Sicherheit und den Frieden ihrer Bürger zu gewährleisten".

Doch die jüngsten Anschläge deuten darauf hin, dass sich niemand mehr wirklich sicher fühlen kann - nirgendwo. Vor drei Wochen sprengen sich Terroristen der TAK, einer Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, nach einem Fußballspiel im Zentrum Istanbuls in die Luft. Eine Woche später schlägt die TAK in der verschlafenen zentralanatolischen Stadt Kayseri zu.

Kurz danach wird der russische Botschafter in der Hauptstadt Ankara bei einer Foto-Ausstellung erschossen - von einem Polizisten, den die Regierung für einen Gülen-Anhänger hält. Die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen ist in der Türkei als Terrororganisation eingestuft, Erdogan macht sie für den Putschversuch Mitte Juli verantwortlich, der nach offiziellen Angaben 246 Todesopfer forderte.

Türkei im Visier des IS

Bald jährt sich der Anschlag in der Istanbuler Altstadt, bei dem zwölf deutsche Touristen mutmaßlich von einem Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ermordet worden. Im März sprengt sich wieder ein mutmaßlicher IS-Attentäter auf der zentralen Einkaufsmeile Istiklal Caddesi in die Luft, israelische Urlauber sterben. Im Februar und März schlägt die TAK in Ankara zu, Dutzende Menschen werden ermordet. Im Juni greift ein Selbstmordkommando den Istanbuler Atatürk-Flughafen an - die Regierung beschuldigt den IS. Und all das ist nur eine Auswahl der Anschläge im Jahr 2016.

Der Silvester-Anschlag - zu dem sich zunächst niemand bekannt hat - trägt eher nicht die Handschrift der TAK, die vorrangig Sicherheitskräfte angreift. Womöglich steckt der IS dahinter, dessen Anführer Abu Bakr al-Bagdadi seine Anhänger im November zu Bluttaten in der Türkei aufrief. In einer Audio-Nachricht sagte al-Bagdadi: "Die Türkei ist ein Ziel für Eure Operationen geworden."

"Säuberungen" mit Folgen

Kein anderer Nato-Staat wird von einem solchen Ausmaß an Gewalt erschüttert wie die Türkei. Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu wirft der Regierung am Sonntag Versagen im Kampf gegen den Terrorismus vor: Ihr gelinge es nicht, Anschläge zu verhindern. Die von Erdogan so bezeichneten "Säuberungen" in staatlichen Institutionen nach dem Putschversuch dürften nach Expertenansicht jedenfalls nicht zur Schlagkraft der Sicherheitsbehörden beigetragen haben.

Allerdings verwenden die türkische Polizei und Justiz beträchtliche Energie darauf, Journalisten einzusperren - unter Terrorverdacht. Die Anschuldigungen halten internationale Journalistenvereinigungen eher für einen Vorwand, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. So sitzt seit Freitag beispielsweise der Journalist Ahmet Sik in Untersuchungshaft, einer der größten Kritiker der Gülen-Bewegung, der allerdings auch mit Vorwürfen an die Adresse Erdogans nicht sparte. Sik wird Terrorpropaganda vorgeworfen - nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu unter anderem für die Gülen-Bewegung. Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) zählte am 1. Dezember 81 türkische Journalisten, die im Gefängnis saßen. Das ist mehr, als die Organisation jemals in einem Staat registriert hat.

Erdogan weist Vorwürfe zurück, er schränke die Pressefreiheit ein. Der Staatschef sieht dunkle Mächte hinter den Terrorangriffen auf sein Land.

Der Club ReinaIm Club Reina direkt am Ufer des Bosporus feiert die Istanbuler Oberschicht. Die Preise sind hoch, doch das Lokal liegt sehr schön kurz hinter der ersten Brücke, die den asiatischen mit dem europäischen Teil der Stadt verbindet. Reina besteht seit neun Jahren und ist einer der größten und berühmtesten Clubs der Millionenmetropole. Im Club legen meist Techno-DJ's auf. Dazu gehört auch ein Restaurant direkt am Wasser. Serienstars oder Fußballspieler der Erstligisten lassen sich öfter mal im Reina blicken. Auch Touristen gehen gerne dorthin. (dpa)


Die nationale Einheit, territoriale Integrität, Institutionen, Wirtschaft, Außenpolitik, kurz alle unsere Elemente, die uns als Staat aufrecht erhalten, werden scharf angegriffen.Recep Tayyip Erdogan in seiner Neujahrsansprache
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