12.03.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Tschechischer Präsident gibt sich vor dem Wahlkampf demütig Milos Zeman stapelt tief

Prag. So lammfromm haben die Tschechen ihren Präsidenten Milos Zeman lange nicht erlebt: Eigentlich wolle er nur noch einmal für das höchste Staatsamt kandidieren, weil er "nicht feige sein" und seine Anhänger "nicht enttäuschen" wolle, sagte er in einer live ausgestrahlten Pressekonferenz. "Als Favorit betrachte ich mich auch nicht."

Der tschechische Präsident Milos Zeman. Bild: dpa
von Autor SHJProfil

Ist Zeman das Selbstbewusstsein abhanden gekommen, von dem er sonst nur so strotzt? Zumal der Prager Burgherr auch an keiner Radio- oder Fernsehdebatte mit seinen Gegenkandidaten teilnehmen möchte. "Ich lege mein Schicksal ganz in die Hände der Bürger dieses Landes", fügte er demütig hinzu. Er wolle keine eigene Wahlkampagne führen, keine verbalen Attacken gegen seine Widersacher reiten und nicht einmal auf deren Angriffe auf ihn reagieren. Auch ein Programm brauche er nicht. Schließlich zeige er seit vier Jahren, wofür er stehe. Natürlich kennen die Tschechen ihren Präsidenten mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass sie nicht alles ernst nehmen müssen, was er sagt. Sie haben gelernt, dass man bei Zeman auch zwischen den Zeilen lesen muss. Und dass er auf keinen Fall Dinge tut oder lässt, die seinem Ansehen schaden oder seinen Zielen zuwider laufen könnten.

Fakt ist, dass Zeman als einziger tatsächlich keinen Wahlkampf führen muss. Schließlich ist er auch so - auf Staatskosten - ständig unterwegs im Land und trifft sehr viele Menschen. Die sind von seiner Volksnähe angetan. Zeman ist ein hervorragender, prinzipiell freier Redner, intelligent und witzig. Bei seinen öffentlichen Auftritten widerspricht ihm auch niemand. Die Medien stehen ihm zudem immer zur Verfügung, wenn er sie brauchen sollte. Und zwar die, die ihm keine unangenehmen Fragen stellen. Etwa die größte Boulevardzeitung des Landes "Blesk" oder den viel gehörten privaten Radiosender "Frekvence 1". Zudem sind unlängst auch regelmäßige Gespräche im privaten Fernsehkanal "TV Barrandov" angekündigt worden. Die Moderatorin dort ist eine gewisse Alexandra Mynarova. Sie ist nicht zufällig auch die Ehefrau von Zemans wichtigstem Berater, seinem Kanzler auf der Burg. Da, so spöttelt man, bekommt er sicher auch einen Aschenbecher ins Studio, um rauchen zu können, was ihm anderswo untersagt sei.

Richtig fürchten muss Zeman derzeit eh niemanden. Einzig unwägbar ist momentan die Haltung der Protestpartei ANO. Die steht unter der Leitung des Vizepremiers, Finanzministers und Dollarmilliardärs Andrej Babis. ANO liegt in allen Umfragen vor den im Herbst dieses Jahres anstehenden Wahlen zum Parlament klar vorn. Babis ist ambitioniert und möchte Premier werden. Doch - zumindest bislang - am liebsten mit Zeman weiter auf der Burg. Die beiden großen politischen Alphatiere verstehen sich blendend. Was auch daran liegt, dass Babis bei seinen Besuchen Zeman immer ein Körbchen mit Würsten aus eigener Produktion schenkt. Und ein guter Schnaps ist auch immer dabei. Solche Geschenke erhalten die Freundschaft.

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