19.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Vor 25 Jahren öffnete sich für sechs Stunden die Grenze in Ungarn - 661 DDR-Bürger flüchteten Ein Picknick, das Europa veränderte

Tränen der Freude: DDR-Flüchtlinge erreichen am 19. August 1989 Österreich. Etwa 600 DDR-Bürger nutzten ein paneuropäisches Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze in Sopron, bei dem ein Grenztor geöffnet wurde, zur Flucht in den Westen. Archivbild: dpa
von Agentur KNAProfil

Sommer 1989. Im Grenzgebiet zwischen Ungarn und dem österreichischen Burgenland hatten sich am 19. August Menschen auf beiden Seiten zu einem paneuropäischen Picknick eingefunden. Bei Gulasch und über dem Feuer gebratenen Speck ließen es sich die Leute gutgehen. Das Besondere an dieser Völker verbindenden Veranstaltung zwischen Sopron und Sankt Margarethen aber war, dass sich für sechs Stunden ein sonst verschlossenes Tor öffnete. Ohne Probleme konnten die Leute diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs für kurze Zeit die Grenze überqueren. 661 DDR-Bürgern gelang so die Flucht in den Westen. Ein Ereignis, das Europa verändern sollte.

Ein großes Wagnis

Was sich wie ein romantisches Happening anhört, war eigentlich ein großes Wagnis. Die Politik hatte zwar zugestimmt, auch die Grenzsoldaten machten mit, doch: "Das Ganze war brandgefährlich und fand auch noch bei großer Hitze statt", erinnert sich der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, Bernd Posselt. Groß sei die Angst gewesen. Natürlich hätten sich die Ungarn reformfreudig gezeigt, niemand habe jedoch gewusst, wie die Reaktion der Sowjetunion aussehen würde. 1956 hatte der ungarische Volksaufstand nämlich blutig geendet.

"Die Idee zu dem Picknick stammt übrigens von 1988", erzählt der Europapolitiker. Damals war es Posselt als Mitarbeiter von Otto von Habsburg nach längerem Ringen gelungen, für den Sohn des letzten österreichischen Kaisers und ungarischen Königs die erste Einreise seit Ende des Ersten Weltkrieges nach Ungarn genehmigt zu bekommen. In dieser Phase planten das Ostungarische Demokratische Forum und die Paneuropa-Union auch eine Protestkundgebung an der Grenze zu Rumänien. Ihnen missfiel, dass der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu die Grenzzäune noch höher ziehen wollte, während sich Ungarn zunehmend liberalisierte.

Im Laufe der Zeit verlagerte sich das Vorhaben zu den demokratischen Bewegungen nach Westungarn und damit hin zur österreichischen Grenze. Zu Beginn des Jahres 1989 hatte die ungarische Regierung entschieden - und dies auch Moskau wissen lassen -, die Grenzen zum Nachbarland abbauen zu wollen. Die Außenminister beider Staaten, Gyula Horn und Alois Mock, schnitten daraufhin am 27. Juni symbolisch ein Loch in den Zaun.

Aber noch war der Schießbefehl nicht aufgehoben. Immer mehr DDR-Bürger reisten trotzdem im Sommer nach Ungarn, in der Hoffnung von dort in die Freiheit fliehen zu können. So entstanden bei Budapest riesige Zeltlager.

Mit Plakaten, Handzettel und Mundpropaganda wurden speziell auch die DDR-Bürger zu dem Picknick eingeladen. Posselt organisierte alles im Hintergrund mit. Eine ungarische Hotelrezeption diente ihm im Zeitalter ohne Fax, Handy und E-Mail als Büro. Doch es reichte aus, um selbst noch 20 Flaggen der Paneuropa-Union aus München zu ordern. "Die wehten bei dem Picknick auf den Wachtürmen."

Trabbis rücken an

Und dann war es endlich soweit. Die Menschen strömten zu der Veranstaltung, und auch die DDR-Bürger rückten mit ihren Trabbis an. Walburga von Habsburg sprach auf Ungarisch im Namen ihres Vaters Otto ein Grußwort, der zwar die Schirmherrschaft mit übernommen hatte, aber bewusst nicht gekommen war, um eine Provokation zu vermeiden. Als sich das Holztor öffnete, ergriffen die DDR-Bürger ihre Chance. Nur was sie am Leib hatten und tragen konnten, nahmen sie mit und gingen zu Fuß gen Österreich. Mancher hatte später das Glück noch sein Auto und andere Sachen nachzuholen, wenn es nicht zuvor schon geklaut worden war.

Posselt verbrachte den Tag dagegen im südungarischen Mecseknadasd. Dort hatte er zugesagt, zum Tag des heiligen Stephan von Ungarn eine Festrede zu halten. Doch mit seinen Gedanken sei er beim Picknick gewesen. Als während seiner Ansprache endlich ein guter Bekannter vom Ort des Geschehens eintraf und ihm deutlich zunickte, "da war mir klar, das alles gut gegangen ist".

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