14.03.2018 - 22:02 Uhr
Deutschland & Welt

Wahl Merkels im Bundestag Dämpfer für die ewige Kanzlerin

Es hätte besser laufen können, aber es war ein Tag mit vielen interessanten Signalen. Als Angela Merkel im Bundestag zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt wird, klatscht erstmals auch ihr Gatte Joachim Sauer Beifall. Doch ein strahlender Sieg ist es nicht.

von Agentur DPAProfil

Berlin. Es ist kurz vor zwölf. Minutenlang sitzt Angela Merkel allein auf der violetten Regierungsbank. Nur ein Mal in vier Jahren gibt es dieses Motiv. Die 63-Jährige ist schon zur Kanzlerin gewählt, ernannt, aber noch nicht vereidigt. Dann nimmt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ihr am Mittwoch im Bundestag den Amtseid ab - hinter der Kanzlerin die große Deutschlandfahne. Merkel verspricht, ihre ganze Kraft zum Wohle des Volkes einzusetzen, gefolgt von den Worten: "So wahr mir Gott helfe."

Nach Routine ist Merkel auch bei ihrer vierten Wahl zur Kanzlerin von Anfang an nicht zumute. Immer wieder dreht sich die CDU-Vorsitzende von ihrem Platz in der ersten Reihe um, schaut nach hinten. Ihr Blick wandert durch die Reihen der Unionsabgeordneten. Oft sucht sie den Augenkontakt mit ihrer Familie, die rund um ihren Ehemann Joachim Sauer auf der Ehrentribüne sitzt. Dass dieser Tag für sie etwas ganz Besonderes ist, zeigen auch die Gäste, die sie eingeladen hat.

Merkels Mutter

Ihr Ehemann sitzt zum ersten Mal bei einer ihrer Kanzlerinnen-Wahlen auf der Ehrentribüne - den drei früheren 2005, 2009 und 2013 war er fern geblieben. Nun, wo seine Frau wahrscheinlich zum letzten Mal angetreten ist, hat der 68-Jährige sich anders entschieden - und auch seinen Sohn Daniel aus erster Ehe mitgebracht. Merkels Mutter Herlind Kasner ist ebenfalls gekommen. Die 89-Jährige wird von einem Freund der Familie, dem früheren Bildungsminister von Brandenburg, Roland Resch (Grüne), zum Sitzplatz geleitet.

Um 9.24 Uhr stellt sich Merkel kurz zu ihrem SPD-Herausforderer bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr, Martin Schulz. Er ist gerade zur Stimmabgabe aufgerufen worden. Schulz lächelt Merkel an, legt kurz die linke Hand auf ihren Rücken. Die Szene wirkt fast vertraut - obwohl Schulz die Kanzlerin im Wahlkampf so verbissen bekämpft hat und zuletzt im Finale der Koalitionsverhandlungen mehr als 24 Stunden so erbittert mit ihr um Ministerien und Posten gerungen hat. Schulz, der diese dritte Große Koalition Merkels noch als SPD-Chef mit zusammengezimmert hat, dann aber wegen internen Widerstands zurücktrat und auch auf das Amt des Außenministers verzichtete, ist nach einer schweren Grippe erstmals zurück im Bundestag.

Als Schäuble um 9.52 Uhr das Ergebnis für Merkel verkündet, macht sich Ernüchterung breit. 364 Abgeordnete haben für sie gestimmt - das sind 35 weniger, als Union und SPD eigentlich gemeinsam haben, nämlich 399. Wie viele Abgeordnete der Koalition letztlich tatsächlich nicht für Merkel gestimmt haben, dürfte im Dunkeln bleiben: Die Wahl war geheim. Bei der Union, die über 246 Sitze im Parlament verfügt, fehlten zwei Abgeordnete, die 153 SPD-Abgeordneten waren alle anwesend.

"Vertrauen gewinnen"

Genau um 10.59 Uhr überreicht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Kanzlerin im Schloss Bellevue die Ernennungsurkunde. Davor spricht er ein paar Minuten unter vier Augen mit ihr. Die beiden kennen sich gut. Möglich, dass dabei das knappe Wahlergebnis zur Sprache kam. Steinmeier hatte die SPD in Richtung Neuauflage der großen Koalition gedrängt - und dies noch einmal gerechtfertigt. "Um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, wird ein schlichter Neuaufguss des Alten nicht genügen", mahnte er. "Diese Regierung muss sich neu und anders bewähren." Trotz der fehlenden Stimmen für Merkel spricht man in der Union von einem "ganz vernünftigen Ergebnis", vor allem angesichts der schwierigen Regierungsbildung. Als Schäuble die Zahl der Ja-Stimmen nennt, bleibt Merkel zunächst sitzen, nickt einmal auf ihre typische Art heftig mit dem Kopf. Die Unionsfraktion steht geschlossen auf und applaudiert, nicht euphorisch, aber auch nicht kurz. Bei der SPD bleiben sie sitzen, viele klatschen, darunter der unterlegene Schulz, aber längst nicht alle.

Als erster überreicht Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) der Kanzlerin einen Blumenstrauß, kurz darauf gratuliert SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles. Länger bei Merkel bleiben Göring-Eckardt und FDP-Chef Christian Lindner stehen. Irgendwann später reihen sich auch die AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland und Alice Weidel in die Reihe der Gratulanten ein. Fast ohne Blickkontakt reichen sie der Kanzlerin die Hand. Frauke Petry, die mittlerweile fraktionslose frühere AfD-Chefin, schenkt Merkel ein Buch. Die Kanzlerin kann das als vergiftetes Geschenk werten: Es ist das Buch "Höhenrausch - die wirklichkeitsleere Welt der Politiker" des Journalisten Jürgen Leinemann.

Um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, wird ein schlichter Neuaufguss des Alten nicht genügen.Frank Walter Steinmeier, Bundespräsident
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