27.06.2017 - 17:44 Uhr
Deutschland & Welt

Warum Hans-Christian Ströbele nun doch keine Esel züchtet Zeitzeuge der Bundesrepublik

RAF-Anwalt und Grünen-Ikone: Hans-Christian Ströbele ist ein Zeitzeuge der Bundesrepublik. Der streitbare 78-Jährige macht es selbst Parteifreunden nicht leicht. Jetzt verabschiedet er sich aus dem Bundestag - aber nicht aus der Politik.

von Agentur DPAProfil

Berlin. Von seinem Schreibtisch aus schaut Hans-Christian Ströbele auf Jahrzehnte deutscher Geschichte. Säuberlich sortiert steht sie da in Aktenordnern, die "Vermögensteuer" heißen oder "Miete", "Folter" oder "Irak". Er ist sie alle durchgegangen, hat bunte Punkte aufgeklebt. Die Ordner mit roten Punkten lässt er in sein Anwaltsbüro bringen, mit denen hat Ströbele etwas vor: "Ich will schreiben, wie es wirklich war."

Mit seinen Erinnerungen könnte dieser 78-Jährige Regale füllen. Ströbele gründete ein "Sozialistisches Anwaltskollektiv" und verteidigte mit dem späteren SPD-Bundesinnenminister Otto Schily RAF-Mitglieder wie den späteren Neonazi Horst Mahler. Der 68er, der seit 50 Jahren verheiratet ist und keinen Alkohol trinkt, gründete die linke Zeitung "taz" mit und saß im Jahr 1985 erstmals im Bundestag. Nach und nach wurde Ströbele zur links-grünen Ikone mit leuchtend weißem Haar, rotem Schal und Fahrrad. Sein Spruch "Gebt das Hanf frei", vertont von Stefan Raab, ist Teil der Popkultur. Diese Woche tritt er wahrscheinlich zum letzten Mal als Abgeordneter im Bundestag an das Mikrofon.

Besuch bei Snowden

Es geht noch einmal um Geheimdienste, um eines der großen Themen Ströbeles, der mit einem Besuch bei Whistleblower Edward Snowden in Moskau Schlagzeilen gemacht hat. Der Untersuchungsausschuss zum NSA-Abhörskandal habe viel erreicht, auch wenn Fragen offen blieben, sagt er. Aber die endlosen Sitzungen der vergangenen dreieinhalb Jahre haben auch gezehrt. "Wir haben manchmal bis Mitternacht gearbeitet und Zeugen befragt. Das hat mir sehr zu schaffen gemacht."

Ströbele stützt sich beim Gehen schon eine Weile auf einen Stock. Er wirkt gebrechlich, eine Krebserkrankung hat ihn geschwächt. Die Nerven in den Beinen sind geschädigt, die Schenkel dürr. Fahrrad fährt er trotzdem noch, den Stock klemmt er sich aufs Rad. Jetzt also, mit 78 Jahren, die verdiente Rente, einfach mal zurücklehnen? Ströbele schüttelt den Kopf: "Ich werde mich nicht in den Ruhestand begeben und leider noch nicht Esel züchten." Das mit den Eseln, das hatte er sich eigentlich mal vorgenommen fürs Alter. Im Odenwald, wo seine Familie ein Holzhäuschen samt Wiese besitzt: "Man guckt die Tiere an und freut sich über sie, wie sie widerwillig sind und ihren eigenen Willen durchsetzen."

Das passt zu einem Politiker, für den das eigene Gewissen stets entscheidend war, wichtiger als die Linie der grünen Fraktion oder auch der rot-grünen Koalition. Der einzige Grüne mit Direktmandat hatte eine Sonderstellung. Als es mal um einen Kriegseinsatz gegangen sei, da habe der damalige Außenminister Joschka Fischer gesagt: "Der Ströbele ist gewählt worden, weil er dagegen ist. Der darf das." Das Plakat aus dem Jahr 2002 mit dem Slogan "Ströbele wählen heißt Fischer quälen" hängt über dem Schreibtisch im Büro Unter den Linden.

Es mag überraschen, dass Ströbele selbst sich gar nicht als notorischen Querkopf sieht: "Ich bin eigentlich gar nicht der Typ dafür. Mir fällt es sehr häufig schwer, dann wirklich aufzustehen und mich zu melden. Wenn ich merke, das ist gegen den gesamten Mainstream und alle gucken so böse oder sitzen nur schweigend da, da muss ich mich schon überwinden." Spaß mache es aber, wenn sich viele Leute darüber aufregten und er einen wunden Punkt getroffen habe.

Angeeckt ist Ströbele oft, nicht nur mit seinem strikten Pazifismus. "In der Politik vertreten wir bekanntlich in vielen Fragen diametral unterschiedliche Positionen", sagt Otto Schily (SPD). "Das hindert mich aber nicht, ihm meinen Respekt vor seiner politischen Lebensleistung zu bezeugen." Kennengelernt habe er Ströbele in den 1960ern als "aufrechten, mutigen und kompetenten Anwaltskollegen".

Dass der Sohn eines Chemikers aus Halle an der Saale überhaupt mal im Bundestag sitzen würde, hätte er Anfang der 1970er Jahre selbst als verrückt abgetan. Aber irgendwann hätten die sozialen Bewegungen sich gefragt, warum sie nicht im Parlament vertreten seien. "Das habe ich sofort eingesehen und mitgewirkt an der Gründung der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz und später der Grünen."

Die Welt verändern

Wie erträumt im Odenwald zurückgezogen den Starrsinn von Eseln genießen, das kann so ein Hans-Christian Ströbele gar nicht. "Ich will noch was verändern, ich will die Welt verändern." Für Politik müsse man ja nicht im Bundestag sein, das habe er ja schon früher gemacht. In der außerparlamentarischen Opposition, in Initiativen und Bewegungen, als Bundesvorsitzender der Grünen in den Jahren 1990 bis 1991, als Landesvorstand der Berlin Grünen.

Man guckt die Tiere an und freut sich über sie, wie sie widerwillig sind und ihren eigenen Willen durchsetzen.Hans-Christian Ströbele, grüne Bundestagsabgeordneter, über die Esel im Odenwald

"Ich werde mich weiter einmischen, ganz konkret", kündigt Ströbele an. Gern wird er das "linke Gewissen" der Grünen genannt, eine Rolle, in der er sich auch gefällt. Zuletzt diesen Monat beim Bundesparteitag der Grünen in Berlin, wo er bemängelte, im Wahlprogramm stehe kein Leitfaden für Kriegseinsätze der Bundeswehr. Der Parteitag erhob sich, jubelte und klatschte. Ströbele dazu lächelnd: "Es freut mich natürlich, wenn sie klatschen, aber mir wäre lieber, wenn sie auf mich hören würden."

Hans-Christian Ströbele im Interview

Als ehemaliges Mitglied der APO (Außerparlamentarischen Opposition): Hatten Sie überhaupt vor, in den Bundestag einzuziehen?

Hans-Christian Ströbele: Ich habe überhaupt keine Karriereplanung gehabt. Wenn Sie mich noch 1970 oder 1975 gefragt hätten, hätte ich gesagt: Wie kommst du denn darauf, so etwas Verrücktes? Das ist erst im Laufe der Zeit entstanden, als wir aus der sozialen Bewegung heraus zu der Überzeugung kamen: Wir sind mit 100 000 Demonstranten im Bonner Hofgarten vertreten, warum nicht auch im Bundestag? Das habe ich sofort eingesehen und mitgewirkt an der Gründung der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz und später der Grünen.

Mit Ihren Prinzipien gehen Sie Kollegen auch mal auf die Nerven - auch der eigenen Partei. Macht das auch ein bisschen Spaß?

Ströbele: Ja! (grinst) Klar! Wobei ich auch sagen muss, ich bin eigentlich gar nicht der Typ dafür. Mir fällt es sehr häufig schwer, dann wirklich aufzustehen und mich zu melden. Wenn ich merke, das ist gegen den gesamten Mainstream und alle gucken so böse oder sitzen nur schweigend da, da muss ich mich schon überwinden. Danach macht es dann schon Spaß, wenn ich richtig in Form bin und auch sehe, dass sich viele Leute darüber aufregen und ich einen wunden Punkt treffe.

Sie wurden viermal hintereinander in Ihrem Wahlkreis Kreuzberg-Friedrichshain per Direktmandat in den Bundestag gewählt, das gibt einem sicher auch eine besondere Freiheit, oder?

Ströbele: Mich hat seit 2002, seit ich direkt gewählt wurde, das Direktmandat nicht nur geehrt, sondern es hat mir auch eine sehr eigenständige Position im Bundestag beschert. Joschka Fischer hat mal gesagt, als es um einen Kriegseinsatz ging: Der Ströbele ist gewählt worden, weil der dagegen ist, der darf das auch.

Gibt es Momente, etwa bei Abstimmungen, an denen Sie rückblickend anders gehandelt hätten?

Ströbele: Nein. Ich habe es mir wirklich immer sehr gut überlegt. Ich habe auch nie in Schnellschüssen gehandelt. Was die wenigsten wissen: Bei den ganz schwierigen Fragen, zur Bankenkrise, zur Hilfe für Griechenland, da habe ich bei fast allen Entscheidungen dagegen gestimmt. Da hinten sind zehn Leitzordner. Sie sehen, dass ich mich wirklich damit beschäftigt und durch die Materie gequält habe.

Hier in Ihrem Büro stehen meterweise Akten, was machen Sie eigentlich damit?

Ströbele: Diese Akten habe ich alle noch einmal durchgesucht und markiert. Je nach den Punkten kommen sie ins Archiv oder ins Anwaltsbüro. Ich werde etwas schreiben. Aber ob das eine Biografie ist oder etwas zu einzelnen Themenbereichen - APO, RAF, Bundestag, Afrika, Lateinamerika - das weiß ich nicht. Ich will schreiben, wie es wirklich war.

Kann man sich nach all den Jahrzehnten überhaupt wirklich aus der Politik zurückziehen?

Ströbele: Das will ich ja gar nicht. Es gibt auch ein politisches Leben und ein politisches Einmischen, wenn man nicht im Bundestag ist. Ich habe das vorher 35 Jahre lang praktiziert, von der APO über verschiedene Bewegungen und Initiativen. Ich war ja von 1985 bis 1987 im Bundestag und dann bis 1998 nicht. Auch da war ich politisch sehr engagiert. Ich war mal Bundesvorsitzender der Grünen, ich war hier Landesvorsitzender, habe die erste rot-grüne Koalition in Berlin mit ausgehandelt. Ich werde mich nicht in den Ruhestand begeben und leider noch nicht Esel züchten, obwohl ich das gerne täte.

Aber warum erfüllen Sie sich diesen Traum nicht?

Ströbele: Weil mich noch immer umtreibt, was mich seit 1967 umtreibt. Ich will noch was verändern, ich will die Welt verändern.

Zur Person: Hans-Christian Ströbele

Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele, Jahrgang 1939, scheidet mit dem Ende des Legislaturperiode aus dem Bundestag aus. Der frühere RAF-Anwalt war Abgeordneter von 1985 bis 1987 und seit 1998. Der Fan des FC Schalke 04 ist Neffe des Fußballreporters Herbert Zimmermann, der mit einer Reportage vom Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft 1954 in Berlin berühmt wurde.

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