17.10.2017 - 20:24 Uhr
Deutschland & Welt

Wohl keine Unabhängigkeit Iraks Kurden ernüchtert

Seit Jahrzehnten träumen Iraks Kurden von einem eigenen Staat. Mit dem Unabhängigkeitsreferendum sahen sie sich diesem Ziel näher. Doch Kurden-Präsident Barsani hat sich in dem Konflikt verpokert.

Mitglieder der irakisch-kurdischen Sicherheitskräfte stehen Wache am Grenzposten in Altun Kupri, 40 Kilometer südlich von Abril, der Hauptstadt der autonomen Region der Kurden in Nordirak. Bild: Safin Hamed/AFP
von Agentur DPAProfil

Kirkuk. Drei Wochen erst ist es her, da feierten die Kurden im Nordirak ausgelassen auf den Straßen. Autos fuhren mit Hupkonzerten durch die kurdische Regionalhauptstadt Erbil und legten den Verkehr lahm. Menschen tanzten auf den Bürgersteigen. Feuerwerksraketen stiegen in den Himmel auf. Die Kurden bejubelten die überwältigende Mehrheit, mit der sie in einem Referendum für die Abspaltung vom Irak gestimmt hatten. Ihre Unabhängigkeit schien nah. Endlich.

Mittlerweile aber ist die unbändige Freude Ernüchterung und Frust gewichen. Anstatt einem eigenen Staat näher zu kommen, mussten sich die Kurden am Montag und Dienstag aus zahlreichen Regionen zurückziehen, die sie im Kampf gegen die IS-Terrormiliz eingenommen hatten. Mehr oder weniger kampflos überließen sie die Gebiete heranrückenden Einheiten, die die irakische Zentralregierung in Bewegung gesetzt hatte. Bagdad will die Abspaltung der Kurden unter allen Umständen verhindern - und setzte dabei auf eine Eskalation.

Abneigung gegen Mächtige

"Wir sind um 100 Jahre zurückgeworfen", schimpft ein Kurde aus Erbil, der bei der Volksabstimmung Ende September für die Unabhängigkeit gestimmt hatte. "Wir sind vollständig geschlagen, alles ist vorbei." Viele Kurden dürften sich angesichts des Vormarsches bestätigt sehen in ihrer Abneigungen gegen die Zentralregierung. Die Kurden und die Mächtigen in Bagdad, das ist eines der schwierigsten Kapitel der irakischen Geschichte. Langzeitherrscher Saddam Hussein unterdrückte die kurdische Minderheit im Land mit brutalen Mitteln.

Eingebrannt ins kollektive Gedächtnis der Kurden haben sich Saddams Anfal-Kampagne, der in den 1980ern Jahren Zehntausende zum Opfer fielen, und der Giftgasangriff auf die Stadt Halabdscha. Nicht zuletzt aus solchen traumatischen Kapiteln speist sich die Sehnsucht der Kurden nach einem eigenen Staat. Kurden-Präsident Massud Barsani warf der von Schiiten dominierten Regierung in Bagdad zudem vor, sie diskriminiere in autokratischem Stil die Minderheiten im Land. Einige der Mächtigen in Bagdad hätten dieselbe Mentalität wie zu Zeiten Saddams.

Mit dem umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum wollte sich Barsani ein Vermächtnis schaffen. Jetzt aber sieht es so aus, als hätte sich der 71-Jährige verpokert. Schließlich mussten sich die Kurden aus Gebieten zurückziehen, die sie niemals mehr aufgeben wollten.

Schmerzhafter Verlust

Der Verlust der Provinz Kirkuk schmerzt sie. Die Kurden zählen sie zu ihrem Stammgebiet und erheben auf das umstrittene Gebiet ebenso Anspruch wie die Zentralregierung. Als 2014 die irakische Armee vor dem IS-Ansturm zusammenbrach, nutzten die Peschmerga die Gunst der Stunde und rückten in Kirkuk ein.

Denn vor allem Kirkuk ist reich an Öl, das ein kurdischer Staat bräuchte, um lebensfähig zu sein. Dort liegen die zweitgrößten Reserven des Landes. Von Kirkuk aus pumpten die Kurden Öl über eine Pipeline in die Türkei, eine wichtige Einnahmequelle für die wirtschaftlich geschwächten kurdischen Autonomiegebiete. Enttäuscht sind die Kurden jetzt, weil sie sich von der Welt im Stich gelassen fühlen. Die großen Nachbarn Türkei und Iran wollen einen unabhängigen Kurden-Staat ohnehin verhindern, weil ihre eigenen kurdischen Minderheiten kein Vorbild bekommen sollen. Aber auch die USA, eigentlich ein Verbündeter Barsanis, hatten den Präsidenten vor dem Referendum gewarnt.

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