07.09.2013 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Mit den Soldaten der Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" durch Nordafghanistan: Patrouille im Kundus-Tal

Kurz nachdem die Bundeswehrpatrouille am Dorfausgang bei der kleinen Moschee gestoppt hat, finden sich nicht nur Kinder und Jugendliche sondern auch einige Erwachsene ein, um das Treiben der Deutschen zu beobachten. Bild: paa
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Von Alexander Pausch

Still ist es nur außerhalb des deutschen Feldlagers im nordafghanischen Kundus. Innerhalb der rund vier Kilometer langen Mauer verfolgen einen das ferne, aber beständige Rattern der Stromgeneratoren und das Dröhnen der Motoren, wenn eine Patrouille das Lager verlässt. Selbst in den Büros und den Unterkünften gibt es kaum Ruhe, hier surren pausenlos die Klimaanlagen - angesichts der Temperaturen von 38 Grad eine Notwendigkeit.

Unten im idyllischen Tal des Kundus-Flusses herrscht erholsame Stille. Das Gezwitscher der Vögel ist Musik, die entspannt. Es weht eine angenehm kühlende Brise. Gestört wird das Idyll durch das Dröhnen der Schützenpanzer vom Typ "Marder", die im Zuge ihrer Patrouillenfahrt durch den Bezirk Char Darah beiderseits der Brücke Stellung beziehen.

Der Fluss hat sich an dieser Stelle tief eingegraben. Auf den Sandbänken schaufelt ein Afghane Schlamm auf die Ladefläche seines Transporters. Das Tal ist fruchtbar. Der Lössboden erlaubt bis zu drei Ernten im Jahr. Zunächst wird Weizen angebaut, danach Reis. Weitere Feldfrüchte sind unter anderem Melonen, Trauben zur Herstellung von Rosinen, Baumwolle sowie Gemüse. An beiden Ufern arbeiten Bauern in ihren Reis- und Melonenfeldern. Der Fluss führt jetzt, Ende August, nur wenig Wasser. Ein Afghane watet hindurch.
Doch die Idylle trügt. Die Brücke steht in dem Distrikt, der für die Bundeswehr lange Zeit Feindesland war und in gewisser Weise auch noch heute ist. Auch wegen des Distrikts gilt die Provinz Kundus bis heute als einer von drei Brennpunkten im Norden. Die kleine paschtunische Minderheit gibt den Taliban noch immer die Möglichkeit, Rückhalt in Teilen der Bevölkerung zu finden. Die Bundeswehr räumt ein, dass die Zahl der Zwischenfälle im Vergleich zu 2012 nicht zurückgegangen ist. Zuletzt wurde dies Anfang August deutlich, als fünf Soldaten des Panzerbataillons 104 aus Pfreimd (Kreis Schwandorf) bei einem Sprengstoffanschlag leicht verletzt wurden. Ihr Fahrzeug, ein Dingo 2, überschlug sich wegen der Wucht der Explosion. Die Sprengkraft soll rund 40 Kilogramm betragen haben. Zudem verwickelten die Aufständischen die Deutschen in ein Gefecht, wurden aber von den Soldaten in die Flucht getrieben.

"Bei allem Unglück haben wir auch Glück im Unglück gehabt", sagt Oberstleutnant Alexander Florian Meseck. Der Kommandeur des Panzerbataillons 104 ist derzeit Chef des Stabes des 32. Deutschen Einsatzkontingentes ISAF in Kundus. Der Zwischenfall habe gezeigt, die Männer sind bestens vorbereitet und das "Material" ist auszeichnet. Und Meseck lobt den Zusammenhalt zwischen den Soldaten und den Rückhalt von Zuhause.
Da der Anschlag zu Beginn der Zeit in Afghanistan erfolgt sei, hätten sie ausreichend Zeit, ihn zu verarbeiten, ehe es nach Hause ginge, sagt ein Pfreimder. "Wenn man an den Anschlagsort kommt, denkt man schon ,Du lieber Gott'", sagt ein Hauptfeldwebel aus Regen. Wie so viele Soldaten unterstreicht der 30-jährige Gruppenführer sein Vertrauen in die Fahrzeuge: "Im Dingo ist noch nie einer gestorben."

Die vier Pfreimder Soldaten sind seit dem Anschlag wieder rausgefahren - nur ein Kamerad musste zur Behandlung zurück nach Deutschland. Dabei überquerten die Vier auch die Stelle, an der sie attackiert worden waren. Sie nahmen unter anderem an einer Operation, wie Militärs einen Einsatz nennen, teil, um die Bewegungsfreiheit der Aufständischen im Distrikt einzuschränken. Die Bundeswehr stand dabei in der zweiten Reihe und unterstützte die Afghanen, die auf dem Fahrersitz saßen.

Auf dem Fahrersitz

"Es war eine große afghanische Operation, die wir mit unseren Mitteln und Kräften nachhaltig unterstützt haben", sagt Oberst Jochen Schneider. Der stellvertretende Kommandeur der Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" kommandiert in Kundus das "Partnering and Advising Team". Die rund 600 Soldaten des Verbandes werden vom Panzerbataillon 104 und vom Panzergrenadierbataillon 112 aus Regen gestellt. Nachhaltig bedeutet, dass neben deutschen und amerikanischen Bodentruppen auch deutsche Kampfhubschrauber vom Typ "Tiger" im Einsatz waren. Auf afghanischer Seite waren die Armee, die Afghanische Nationale Polizei, die Dorfmilizen (ALP) und der Geheimdienst beteiligt - alle unter einem einheitlichen afghanischen Kommando, was die Bundeswehr als Beleg für deren Leistungsfähigkeit wertet.
Im Zuge der Operation errichteten die Afghanen einen weiteren Außenposten an dem Straßenabschnitt, an dem es den Anschlag gab. Zudem setzten die afghanischen Spezialkräfte acht mutmaßliche Aufständische und Bombenleger fest. Bei diesen fanden die Afghanen Teile aus dem Dingo, so dass auch die Bundeswehr relativ sicher ist, dass es sich um jene Männer handelt, die die deutsche Patrouille angegriffen hatten.

Mischa-Meier-Brücke

Dem Journalisten, der die abgesessenen Grenadiere nach dem Stopp der Schützenpanzer am Fluss bei ihrer Inspektion der Brücke begleitet, folgt auf Schritt und Tritt ein Schatten. Ein Soldat ist abgestellt, den unbewaffneten Begleiter mit dessen Kamera zu schützen - ein Nahsicherer, wie im Bundeswehrjargon Leibwächter genannt werden.

Die Brücke ist wie der ganze Distrikt, ja wie die ganze Provinz Kundus ein geschichtsträchtiger Ort für die Bundeswehr. Sie ist benannt nach Hauptfeldwebel Mischa Meier. Der damals 29-jährige Fallschirmjäger starb im Jahr 2008, als seine Patrouille den Fluss durchqueren wollte. Die nach gut zwei Jahren Bauzeit am 27. Dezember 2011 vom Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammad Anwar Jegdalek, feierlich eröffnete Brücke ist nach Mischa Meier benannt. Doch das Schild das an ihn erinnert ist verschwunden, obwohl auf dem linken Ufer ein afghanischer Wachposten auf die Brücke achten soll. So kann es nicht überraschen, dass die Soldaten bevor sie ans Ufer hinuntersteigen, sicherheitshalber prüfen, ob im Regenwasserdurchlass eine Sprengfalle versteckt ist.
Gut 300 Meter weiter flussabwärts - noch in Sichtweite der Brücke - fand in der Nacht zum 4. September 2009 jener verhängnisvolle Luftangriff auf zwei von Taliban entführte Tanklastwagen statt, der der deutschen Öffentlichkeit die Brutalität des Krieges in Afghanistan vor Augen führte. Inzwischen sind die ausgebrannten Wracks nicht mehr zu sehen, doch die Erinnerungen an jenen Angriff haben sich tief eingegraben, bei Deutschen und bei Afghanen. "Es war furchtbar", erzählt ein Afghane, der am Tag nach dem Bombardement zum Fluss gekommen war: "Überall Blut, überall Leichen."

Die Angaben über die Zahl der Toten ist bis heute nicht klar. Während Soldaten von 69 Toten sprechen, die sie gezählt hätten, geht die Nato von bis 142 Getöteten aus, darunter Kinder. Die Deutung des Angriffs war immer auch ein Kampf zwischen dem damaligen ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal und der Bundeswehr. Der Amerikaner ist längst wegen Illoyalität gegenüber US-Präsident Barack Obama geschasst. Die Ermittlungen gegen Oberst Georg Klein, der damals den Befehl gab, wurde von der Bundesanwaltschaft eingestellt. Er ist inzwischen zum Brigadegeneral befördert worden.
Der Stopp an der Mischa-Meier-Brücke ist die letzte Station einer Patrouille durch Char Darah, die zunächst zum Polizeihauptquartier des Distrikts führte, um Versorgungsgüter zu bringen. Ein Ort, den viele deutsche Soldaten ebenfalls mit zahlreiche Gefechten verbinden. Nach dem Stopp bei der Polizei geht es weiter in ein nahes Dorf, um von dort eine andere Patrouille abzusichern, die in einem afghanischen Außenposten mit Polizisten spricht. Immer wieder winken kleine Kinder den vorbeifahrenden Panzern zu, die Soldaten, die "auf Luke" fahren, wie dies bei den Grenadieren heißt, winken ebenfalls. Der Blick vom fahrenden Schützenpanzer eröffnet eine distanzierte Perspektive auf die Dörfer. Obwohl sich die Deutschen sehr rücksichtsvoll bewegen, weichen viele vor den respekteinflößenden Stahlkolossen zurück.

Mit schwarzem Turban

Im Dorf rast plötzlich ein Konvoi der afghanischen Polizei an den Deutschen vorbei. Sie sind mit ungepanzerten Pick-ups unterwegs, auf den Ladeflächen sitzen Kämpfer mit schwarzen Turbanen, bewaffnet mit Kalaschnikows, Maschinengewehren und Panzerfäusten russischer Bauart.

Der Einsatz in Afghanistan hat die Bundeswehr verändert, aber auch die Panzerbrigade 12. Kundus steht bei vielen deutschen Soldaten für Kampf, für Krieg - spätestens seit dem Karfreitag 2010, als drei deutsche Fallschirmjäger während eines Gefechts mit Taliban getötet und acht verletzt wurden. Bei vielen "Zwölfern" hat sich noch ein anderes Datum tief in die Erinnerung eingegraben. Manche Regener Grenadiere tragen ein Armband, das sie an die drei Kameraden erinnert, die auf dem Außenposten "OP North" bei einer Insiderattacke starben. Acht waren verwundet worden, vier schwer, als ein afghanischer Soldat am 11. Februar 2011 ohne Vorwarnung auf die Deutschen schoss.

"Ich bin in drei Jahren an fünf Gräbern gestanden", sagt ein Hauptfeldwebel aus dem Bayerischen Wald und macht wie so viele deutlich, dass er alle Männer heil nach Hause bringen will. Resignierend fügt er aber hinzu: "Wenn Du auf der roten Liste vom lieben Gott stehst, dann kannst Du der beste Soldat sein." Dann bricht er ab. Bei jeder Ausfahrt werden die Soldaten an die Gefallenen erinnert. Denn jede Patrouille beginnt und endet am Ehrenhain im Feldlager - ein tagtägliches "Memento mori (Denke daran, dass du sterben musst)".

"Ich denke ja", antwortet auch Oberstleutnant Meseck auf die Frage, ob Afghanistan die Bundeswehr verändert habe. "Wir sind ein lernendes System geworden. Wir mussten schneller werden, und wir sind schneller geworden." Doch die Deutschen haben auch in der Provinz Spuren hinterlassen. Vor zehn Jahren gab es eine asphaltierte Straßen, heute sind selbst die wichtigen Verbindungsstraßen im umkämpften Distrikt Char Darah asphaltiert. "Wir können heute über mehr Straßen unbehelligt fahren, als 2010", sagt ein Soldat mit Blick auf die Sicherheitslage.

Der Hauptmann, der die deutsche Patrouille führt, will sich nicht länger als nötig an der Mischa-Meier-Brücke aufhalten. Angesichts der Warnungen vor Angriffen will niemand zu lange ein stationäres Ziel bieten. Zudem wird durch die Deutschen der Verkehr blockiert. Das soll den Afghanen nicht länger als notwendig zugemutet werden. So geht es nach wenigen Minuten weiter, zurück in Richtung deutsches Feldlager.

Festung über dem Tal

Die Landschaft im Tal ist in sattes Grün getaucht, eine Erholung für das Auge. Was für ein Kontrast zu den Sand- und Ockerfarben, die auf der "Platte" und den angrenzenden Bergen dominieren. Dort oben, auf dem Plateau, thront das deutsche Feldlager wie eine Festung über Kundus. Dem Staub entkommt man allerdings weder im Kundus-Tal noch im Feldlager. Das ist dem Löss geschuldet, der vom Wind hin und her geblasen wird. Der Staub, fein wie Mehl, legt sich über alles und dringt in jede Ritze ein. Wenn es aber regnet, bietet dieser Boden wenig Halt, schnell unterspült das Wasser alles.

Doch das wird die Bundeswehr nicht mehr erleben. Im Herbst wollen die Deutschen aus Kundus weg sein - zehn Jahre nachdem sie das "Provincial Reconstruction Team" (PRT, Wiederaufbauteam) von den Amerikanern übernommen haben.

 

 

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