Hamilton siegt im Ferrari-Land
Vettel richtet Fokus auf Singapur

Sebastian Vettel muss jetzt Lewis Hamilton im Blick behalten. Der Heppenheimer verlor ausgerechnet beim Ferrari-Heimspiel im Monza die WM-Führung. Bild: Antonio Calanni/dpa

War das ein Schlüsselmoment im WM-Zweikampf? Sebastian Vettel stürzt von der WM-Spitze und muss nun Lewis Hamilton jagen. Der Brite geht in seiner Rolle als "Schurke" auf. Der Deutsche warnt vor Panik. Die Scuderia muss mit einer neuen Rolle klarkommen.

Monza. Nach Sebastian Vettels erstmaligem Sturz von der WM-Spitze in dieser Formel-1-Saison genoss Lewis Hamilton seine Rolle als Monza-Bösewicht sichtlich. Sein deutscher Titelrivale mimte nach der Mercedes-Lektion im Ferrari-Mekka indes den Motivator und Seelenflüsterer. "Ferrari muss ganz vorne sein und Ferrari muss an der Spitze von allem sein", versicherte der Deutsche nach dem beeindruckenden Erfolg seines Titelrivalen beim Scuderia-Heimspiel und beschwichtigte, man müsse "keine Panik verstreuen". Vettel gab sich "nicht zu besorgt" und freute sich "schon auf die nächsten Rennen."

Hamilton genoss seinen 59. Grand-Prix-Erfolg und genehmigte sich erstmal eine ordentliche Portion Eiscreme. Erstmals in dieser Saison und ausgerechnet beim 70. Geburtstag von Ferrari konnte mit ihm ein Pilot einen zweiten Sieg nacheinander feiern. Mit drei Punkten liegt der Mercedes-Mann nun in der WM-Wertung vor Vettel.

Selbst Pfiffe der frenetischen Ferrari-Fans konnte Hamilton da bestens verkraften. "Unweigerlich wirst du hier der Bösewicht, wenn du die Ferraris stoppst", räumte er ein und schien die ihm zugewiesene Rolle auch zu genießen. Manchmal sei er sogar "richtig froh, der Bösewicht zu sein und mich kümmert das auch nicht. Ich versuche, respektvoll zu bleiben und bewundere ihre Leidenschaft." Manchmal kämen ihm die Anhänger in Italien "eher wie Fußballfans vor, die aggressiven unter ihnen", schob er hinterher. Hamilton beschrieb die Übernahme der WM-Führung beim Europa-Finale als "stärkendes Gefühl". Sein Plan nach der Demonstration der Stärke sei es nun für die nächsten Rennen "zu versuchen, sie auszubauen." Der Titelkampf werde aber "wirklich eng" bleiben. Vettel und Ferrari müssen sich indes nach 161 Tagen an der Spitze der Fahrerwertung mit der Rolle des Jägers anfreunden.

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff erkannte auf dem Hochgeschwindigkeitskurs vor den Toren Mailands, der nun schon seit vier Jahren fest in der Hand der Silberpfeile ist, nicht zwingend eine Überlegenheit seines Rennstalls. "Für mich sieht es so aus, als ob Ferrari an diesem Wochenende irgendwie einen Schritt nach hinten gemacht hat. Wir waren solide, aber zugleich haben sie nicht die Leistung abgerufen, wie es jeder erwartet hat", erläuterte der Österreicher. Der Aufbruch nach Übersee in zwei Wochen könne wieder ein anderes Bild abgeben. "Singapur kann schon wieder ganz anders laufen und gegen uns laufen."

Ferrari-Patron Sergio Marchionne verbarg seine Emotionen dagegen nicht und verhehlte seinen Frust nach der verdorbenen Heim-Party beim Grand Prix von Italien nicht. "Wir haben versagt, wir haben Monza unterschätzt", ätzte Marchionne.

Vettel wiegelte nach seinem dritten Platz ab. "Es gibt viel zu tun, wir haben aber die richtigen Leute und wissen, was wir tun müssen", betonte der 30-Jährige. "Nach dem Podium, nach der Stimmung bin ich voller Hoffnung und freue mich auf die nächsten Rennen. Es kommen Strecken, die ich eigentlich alle gerne habe."

Pressestimmen zum Großen Preis von ItalienItalien:

"La Repubblica": "Wie dunkel ist dieses Rot, wie grau dieses Blau der Azzurri. Wir haben zwei Tage der Verfärbung und Übermüdung gesehen: Die Nationalmannschaft verprügelt von Spanien und Ferrari von Mercedes vorgeknöpft, wie als würde das Porzellan der Großmutter in deren Wohnzimmer zerschlagen."

"La Stampa": "Hässliche Kopie: Ein negatives Wochenende für Italien. Während die Fußball-Nationalmannschaft von Spanien überrollt wird, muss sich Ferrari in Monza der Übermacht von Mercedes beugen. Mercedes defiliert vor dem italienischen Publikum. Hamilton hat gewonnen, ohne auch nur ein einziges Überholmanöver zu machen."

"Corriere della Sera": "Die unterschiedlichen Gesichter von Ferrari: Sergio Marchionne verlegen und sauer. Sebastian Vettel zuversichtlich. Man braucht beide Stimmen - oder Zuckerbrot und Peitsche - um eine Mannschaft in diesem kritischen Moment zusammenzuhalten."

Großbritannien:

"The Times": "Lewis Hamilton genießt es, der Schurke zu sein".

"The Independent": "Der 59. Karrieresieg des Engländers (Lewis Hamilton) und der starke zweite Platz des Finnen (Valtteri Bottas) verwiesen Sebastian Vettel und Ferrari auf einen demütigenden dritten Rang auf heimischem Boden."

"The Guardian": "Hamilton hat 13 Rennen gebraucht, aber schließlich hat er die Führung übernommen, ein potenzieller Schlüsselmoment im Kampf um den Titel. Vettel, ein viermaliger Weltmeister, hat bisher jede Saison für sich entschieden, in der er einmal geführt hat. Um diesmal zu siegen, muss er gegen Hamilton in die Offensive gehen."

"The Telegraph": "Für Lewis Hamilton fühlte sich das an wie der Moment, in dem sich alles gewendet hat. Hier in Monza, dem Heiligtum der Geschwindigkeit, geweihtem Boden für die wimmelnden Schwärme von Ferrari-Tifosi, errang er einen so überwältigenden Sieg, dass die diesjährige Weltmeisterschaftssaison auf dem Kopf steht."

Spanien:

"El País": "Hamilton erobert Monza - aber Ferrari bewahrt beim Großen Preis von Italien das Gesicht"

"Mundo Deportivo": "Wenn Hamilton der Moral Ferraris und Vettels einen perfekten Schlag versetzen wollte, dann hätte das Drehbuch dafür sicher sehr dem geglichen, was am Sonntag passiert ist." (dpa)
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