20.01.2012 - 00:00 Uhr
Sport

Jahn-Coach Markus Weinzierl: „Unsere Mannschaft ist die Basis für eine gute ... „Nach dem Anpfiff ist man machtlos“

Der jüngste Trainer der Dritten Liga hat das bislang größte Wunder bewirkt. Weit vor den Finanzgiganten Arminia Bielefeld (mit acht Millionen Euro auf Platz 14) und VFL Osnabrück (6,7 Millionen/8.) führt der SSV Jahn Regensburg mit dem bescheidenen Etat von 1,6 Millionen Euro das Teilnehmerfeld zu Beginn der Rückrunde an. Vor dem Spiel am Samstag, 14 Uhr, bei der U 23 des VFB Stuttgart (3 Millionen/7.) nennt Markus Weinzierl (36) im Interview Gründe für diese Entwicklung.

Trainer Markus Weinzierl. Bild: dpa
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Herr Weinzierl, vor der Winterpause mussten wir uns Sorgen machen, die Vertragsverhandlungen liefen, wenn sie denn liefen, zäh - Sie haben immer den Aspekt der Perspektive betont? Nachdem Sie jetzt unterschrieben haben, passt scheinbar die Perspektive - was haben wir uns darunter genau vorzustellen?

Weinzierl: Perspektive ist, dass die Finanzen passen, dass man gewillt ist, den Mannschaftskern zusammenzuhalten. Ziel ist es, die Mannschaft weiterzuentwickeln.

Wieviele Spieler gehören denn zu diesem Kern?

Weinzierl: Zehn bis zwölf Spieler. Wenn das gelingt, besteht eine berechtigte Hoffnung auf eine positive Zukunft.

Apropos Perspektive: Es ist sicher sinnvoll, eher tiefzustapeln, aber sehen Sie im Fall der Fälle den Jahn für eine langfristige Zukunft in der 2. Liga gerüstet?

Weinzierl: Solche Planspiele haben für uns immer noch eine untergeordnete Rolle. Es müsste schon viel zusammentreffen, damit das eintritt. Sollte es aber tatsächlich geschehen, dann müsste man diesen Glücksfall nutzen, um sich besser aufzustellen, indem man nicht nur in Spieler investiert, sondern auch in die Infrastruktur.

Was müsste sich an der Infrastruktur verbessern?

Weinzierl: Wir haben immer noch katastrophale Trainingsbedingungen, und die Nachwuchsarbeit muss auch wieder besser werden.

Würde es, wie beim letzten Aufstieg, wieder einen totalen Umbruch geben oder glauben Sie, dass der Kern der Mannschaft zweitligatauglich ist?

Weinzierl: Wenn man 2004 den Kern behalten hätte, würde der Jahn heute ganz anders dastehen. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Mannschaft die Basis für eine gute Zweitliga-Mannschaft darstellen kann, die gezielt ergänzt werden müsste.

Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit sich der Jahn zu einem 1. FC Oberpfalz mausert, der Fans aus der ganzen Region an sich bindet?

Weinzierl: Ich glaube, wenn wir aufsteigen würden, sind wir definitiv das Aushängeschild der Region. Dazu kommt, dass wir langfristig solide und vertrauensvoll arbeiten müssen.

Nachdem die bisherige Saison mit wenig Verletzungspech verlief, hat es im Winter voll zugeschlagen: Wie ist die Prognose für Schweini, Klauss & Co und wie schnell können die Neuen ein gleichwertiger Ersatz sein?

Weinzierl: Es ist jetzt genau das eingetreten, was nicht hätte sein dürfen. Die Leistungsträger fallen aus. Tobias Schweinsteiger musste sogar operiert werden.

Wie lange fehlt er voraussichtlich?

Weinzierl: Schwer zu sagen, sechs, sieben, acht Wochen. Das muss auf mehrere Schultern verteilt werden, andere müssen jetzt die Chance nutzen.

Welche Rolle werden die Neuzugänge, Romain Dedola (23) vom FC Ingolstadt 04 und Thiemo-Jerome Kialka (23) von der U 23 des 1. FC Köln, dabei spielen?

Weinzierl: Beide Neuen sind einsatzbereit und haben Potenzial. Es fehlt noch ein wenig die Bindung, aber das ist nach der kurzen Zeit normal. Romain Dedola hat in Ingolstadt im offensiven Mittelfeld gute Ansätze gezeigt. Er war nicht umsonst Kapitän der U-19 in Frankreich. Und Thiemo-Jerome Kialka hat mit 9 Toren in 14 Regionalliga-Spielen das Zeug zu einem Torjäger, allerdings muss er das in der 3. Liga erst noch unter Beweis stellen.

Stellt die Bedingung der DFL, das Stadion auch für eine Übergangszeit für einen Millionenbetrag umrüsten zu müssen, im Fall der Fälle eine unüberwindbare Hürde da?

Weinzierl: Da mache ich mir gar keine Sorgen, ich muss eher schmunzeln, weil das indirekt ein Lob für die gute Arbeit und Entwicklung ist, dass wir solche Luxusprobleme haben. Ich habe keine Bedenken, dass man es hinbekommen würde. So sind einfach die Auflagen, die die DFL macht, und zur Not müsste man eben in den sauren Apfel beißen – dafür sind die Einnahmen in der Zweiten Liga dann auch viel höher. Man hat bei der Stadionentscheidung einfach Jahre verschlafen, ohne dass ich jemandem dafür die Schuld geben möchte. Andersrum könnte man auch sagen, dass wir schneller gute Leistungen abgerufen haben als geplant.

Was erwarten Sie vom neuen Stadion?

Weinzierl: Wenn es überdacht ist, kommen auch bei schlechtem Wetter deutlich mehr Besucher. Der Stadionbesuch kann sich, wie anderswo auch, zum Familienerlebnis entwickeln. Und durch den Zuschauerzuwachs ergeben sich bessere Bedingungen und Vermarktungspotenziale. Das alte Jahnstadion hat sicherlich einen Kultcharakter, aber es ist halt nicht vergleichbar mit den neuen Arenen in Ingolstadt oder Heidenheim.

Es ist jedenfalls noch kein Hexenkessel … Weinzierl: Auch die Fanszene muss sich zusammen mit der Mannschaft entwickeln. Wenn man kontinuierlich gute Leistungen bringt, kommen auch wieder mehr Zuschauer. Da hat man in den vergangenen Jahren viel Vertrauen zerstört.

Sie haben ziemlich lückenlos vom Spieler zum Trainer umgesattelt – wie viel weiß man als Profi-Fußballer intuitiv, was haben Sie von den Trainern gelernt, wie viel ist „learning by doing“ und was lernt man beim Erwerb des Trainerscheins?

Weinzierl: Ich war ja auch noch eine Zeit lang Co-Trainer, aus der Zeit habe ich auch einiges mitgenommen. Aber es stimmt schon, danach bin ich ins kalte Wasser gesprungen, bin geschwommen und nicht untergegangen. Beim Trainerlehrgang macht man sich acht Stunden am Tag Gedanken, erweitert da sein Wissen. Man bekommt keine völlig neuen Erkenntnisse, aber man analysiert bis ins Detail und unterhält sich mit 30 anderen, da ergibt sich schon mal ein Aha-Effekt.

Wie groß, denken Sie, ist Ihr Anteil am Erfolg? Was kann ein Trainer durch Aufstellung, Taktik, Einwechslungen, Motivation bewegen, wie viel macht die Einkaufspolitik aus?

Weinzierl: Man ist immer abhängig von den Spielern, das ist bei dem Job so. Beim Anpfiff, wenn alle Entscheidungen getroffen sind, ist man machtlos. Das große Geheimnis ist der Zugang zu den Spielern. Wenn eine Mannschaft nicht leistungsbereit ist, ist es schwer. Man muss sich einig sein, wie man spielen will.

Wie haben Sie das hingebracht, dass die Spieler in Zeiten unbezahlter Stromrechnungen bei der Stange blieben?

Weinzierl: Das funktioniert nur, wenn ein Kern der Mannschaft bereit ist, alles zusammenzuhalten. In der Region verwurzelte, solide Spieler, die gerne in Regensburg sind – und die natürlich auch nicht die ganz großen Angebote haben.

Wie sehen Sie Ihre eigene Perspektive – der Erfolg, hört man, hat andere Vereine auf den Plan gerufen?

Weinzierl: Der Erfolg ist von so vielen Dingen abhängig. Sicher, die letzten drei Jahre ging’s immer bergauf, das mehrt das Interesse an Spielern und auch an meiner Person. Man muss man sich die Angebote anschauen, das Für und Wider abwägen: Wann ist der richtige Zeitpunkt für die 2. Liga?

Sie sind gebürtiger Niederbayer. Sind Sie inzwischen nach Regensburg umgezogen?

Weinzierl: Ich bin in Straubing geboren und ich habe mich mit meiner Familie vor Jahren entschieden in der Heimat ein Haus zu bauen. Das hat auch Vorteile.

Welche? Dass Sie sich die schöne Gäuboden-Landschaft beim Pendeln anschauen können?

Weinzierl: Zum Beispiel kann man sich in der halben Stunde viele Gedanken machen. Aber es menschelt auch sehr schön in der Kleinstadt, da werde ich beim Bäcker noch angesprochen, wie’s läuft.

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