Beim G 8 setzten sich die Interessen der Wirtschaft durch

Zum Bericht "Die Wirtschaft singt das hohe Lied auf das achtjährige Gymnasium":

Mit wachsender Wut erlebe ich seit zehn Jahren den Kampf um das G 8 oder G 9. Wie war das noch 2004? Hoch und heilig hatten Edmund Stoiber und seine CSU vor der Landtagswahl versprochen, am G 9 festzuhalten. Pisa und andere vergleichende Tests zwischen den Bundesländern hatten damals bewiesen, dass die Zahl der Studienabbrecher aus Ländern mit G 8 deutlich höher war als aus Bundesländern mit G 9.

Kaum aber hatte die CSU im September einen haushohen Sieg bei den Landtagswahlen eingefahren, da verkündete Stoiber diktatorisch und unter Wortbruch die sofortige Einführung des G 8. Seine Kultusministerin Monika Hohlmeier flötete: "Die Diskussion um das G 8 ist damit beendet." Diese Diskussion hatte unter Ausschluss der betroffenen Eltern, Schüler und Lehrer heimlich zwischen Wirtschaft und Stoiber-Regierung stattgefunden und ist, wie man sieht, bis heute nicht beendet.

Auf welchem Planeten lebt eigentlich der Autor des Bildungsmonitors, A. Plünnecke, der behauptet, die Schulergebnisse zwischen G 8 und G 9 unterschieden sich kaum und das G 8 habe auch keine Auswirkung auf die Lebenszufriedenheit der Schüler? Ich als ehemaliger Gymnasiallehrer - seit 2010 im Ruhestand - habe da völlig andere Erinnerungen.

Die Wirtschaft hat sich aus der Diskussion um das Gymnasium herauszuhalten. Die Fachoberschulen mit ihrem berufs- und praxisbezogenen Unterricht sind ihr Spielfeld und liefern der Wirtschaft ihren Nachwuchs und leisten nach meinen Beobachtungen auf ihrem Sektor Hervorragendes. Das Gymnasium soll vor allen Dingen Geistes- und Naturwissenschaftler, Ärzte, Juristen und Lehrer, Künstler und Schriftsteller hervorbringen. In den anderen Ländern Europas und in Amerika funktioniere das G 8 ja schließlich auch.

Wirklich? Nun, es "funktioniert" auch nur deshalb, weil im europäischen Ausland außer Englisch meist keine zweite und erst recht keine dritte Fremdsprache unterrichtet wird, Geschichte gekürzt und Religion (oder Ethik) aus den Schulen verbannt worden ist.

Aber ist das so nachahmenswert? Die Vertreter der Wirtschaft und der Stoiber-Partei können natürlich nicht zugeben, welches Chaos sie mit der Einführung des G 8 in Bayern angerichtet haben. Deshalb werden die Probleme mit dem Turbo-Abitur weggeredet und schöngefärbt und die Dogmen für das G 8 gebetsmühlenartig wiederholt. Das Volksbegehren in Bayern ist gescheitert. Warum?

Die Zahl der Unterschriften für die Zulassung des Volksbegehrens war sehr schnell erreicht. Warum aber scheiterte das Volksbegehren selber? Komisch! Hatte man in den Rathäusern anderswo in Bayern den unterschriftswilligen Bürgern auch solche Hindernisse aufgebaut, wie ich sie persönlich erlebt hatte, als ich meine Unterschrift für das G9 leistete? Wenn dem so war - klar! Alles reiner Zufall.

Ein Blick nach Hessen: Dort überließ es die schwarz-grüne Landesregierung den einzelnen Schulen, die Eltern über G 8/G 9 abstimmen zu lassen. Eine einzige Gegenstimme aber wurde als ausreichend erklärt, um die Rückkehr zum G 9 zu verhindern.

Ich habe von demokratischen Gepflogenheiten andere Vorstellungen!

Roland Gröger 92660 Neustadt a. d. Waldnaab

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