02.01.2018 - 21:50 Uhr
Deutschland & Welt

Berliner Senat nach Ausbrüchen unter Druck "Haus der offenen Tür"

Ein paar Jahre war Ruhe. Der letzte Gefängnisausbruch in Berlin geschah 2014. Aber Ende 2017 und Anfang 2018 kam es dann heftig für die Justiz und den Senat. Warum lassen sich Ausbrüche nicht verhindern?

Die Sicherheit in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee steht in der Kritik. Erneut sind Häftlinge aus dem Gefängnis entkommen. Damit fahndet die Polizei mittlerweile nach sieben Männern. Bild: Paul Zinken/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Eine derartige Ausbruchsserie aus einem deutschen Gefängnis ist selten - und lässt den Druck auf Berlins Justizsenator weiter steigen. Neun Gefangene verschwinden innerhalb von fünf Tagen aus dem Gefängnis Plötzensee im Nordwesten Berlins. Die Opposition spricht hämisch vom "Haus der offenen Tür". Besonders peinlich für Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne): Nach dem spektakulären ersten Ausbruch von vier Männern am Donnerstag hatte er verstärkte Sicherheitsvorkehrungen angekündigt. Seither entkamen weitere fünf Männer. Sie kehrten nicht aus dem offenen Vollzug zurück.

Das passiert allerdings öfter mal und ist streng genommen auch kein Ausbruch. Die Berliner Opposition aus CDU, AfD und FDP spricht trotzdem von Ausbrechern und fordert den Rücktritt von Behrendt, der mit dem Senat aus SPD, Linken und Grünen erst ein Jahr im Amt ist. Auch ein Abgeordneter der SPD twitterte ungewöhnlich deutlich: "Rekord. Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Das wäre eigentlich ein Rücktrittsgrund für einen Justizsenator".

Die beiden letzten Ausreißer flohen durch das Fenster einer Nachbarzelle. Sie verbüßten wegen wiederholten Schwarzfahrens eine Strafe im offenen Vollzug und durften das Gefängnis tagsüber verlassen. Ein Sprecher der Senatsjustizverwaltung lakonisch: "Dabei hätten sie das Gefängnis auch einfach am nächsten Morgen durch die Tür verlassen können." Einer der Männer kehrte bereits am Montag zurück, einer der ersten vier Ausbrecher am Dienstag. Nach den sieben verbliebenen Männern fahndet die Polizei. Besonders der Ausbruch vom Donnerstag hatte für empörte Kommentare gesorgt. Die Männer (27 bis 38) flohen aus einem Heizungsraum neben der Werkstatt, in der sie arbeiteten. Mit einem Hammer zertrümmerten sie einen Betonpfosten in einer Lüftungsöffnung. Dann sägten sie die Stahlverstärkung unter dem Beton mit einem Trennschleifer durch, zwängten sich ins Freie und krochen unter dem Zaun des Gefängnisses durch. Drei der Männer sollten 2018 entlassen werden.

In der JVA Plötzensee mit 360 Insassen herrscht nur eine mittlere Sicherheitsstufe. Die Ausbrecher waren keine Schwerkriminellen, sondern saßen wegen Diebstahl, räuberischer Erpressung und schwerer Körperverletzung ein. Mörder, Vergewaltiger und Serientäter sitzen in der JVA Tegel. Dort liegt der letzte Ausbruch mehr als 20 Jahre zurück.

Eigentlich gelten die Berliner Gefängnisse angesichts von mehr als 4000 Häftlinge und seltenen Ausbrüche als sicher. Aber viele der oft mehr als Hundert Jahre alten Gebäude haben unübersichtliche Ecken. Senator Dirk Behrendt gibt zu: "Sie würden so heute nicht mehr gebaut." Der Bund der Strafvollzugsbediensteten sieht einen Sanierungsbedarf von 400 bis 500 Millionen Euro. Außerdem fehle Personal. Gleichzeitig ist der Ausbruch für Gefangene eine große Verlockung. Denn die Flucht selber ist in Deutschland nicht strafbar.

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