28.01.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Crystal Meth alias Pervitin grassiert in Tschechien seit 40 Jahren Stoff für Flucht aus grauem Alltag

Grauenhafte Realität, der die Tschechen auch mit der Droge Pervitin entfliehen wollten: Nach einer Radio- und Fernsehansprache Alexander Dubceks, in der er die Konditionen für die Beendigung der Besatzung bekanntgeben musste, versammelte sich am 27. August 1968 auf dem Wenzelsplatz in Prag eine aufgebrachte Menschenmenge, die unter anderem "Sag uns die Wahrheit!" skandierte. In der Nacht zum 21. August 1968 besetzten Truppen des Warschauer Paktes strategisch wichtige Punkte - rund 100 Menschen starben. Der
von Autor PACProfil

Razzia in der Giftküche: Bei einer konzertierten Aktion hob die tschechische Polizei Ende Oktober eine Drogengang aus, die Crystal Meth für den deutschen Markt herstellte. Vier Labors betrieb die Bande, eines davon in Prag, der Rest im weiteren Grenzgebiet. Die Beamten stellten 14 Kilogramm Pervitin, so die gebräuchliche tschechische Bezeichnung, sicher, dazu zwei Zentner Medikamente und Grundstoffe sowie fünf Tonnen hochgiftigen Abfall. Wie sich herausstellte, lief die Produktion im Drei-Schicht-Betrieb. Die Labors schütteten täglich mehrere Dutzend Kilo aus, die von Kurieren umgehend nach Sachsen und Bayern gebracht wurden.

Hohe Haftstrafen

Acht Mitglieder der Gang, sechs Vietnamesen und zwei Tschechen, warten seither in der Untersuchungshaft auf ihren Prozess. Ihnen drohen mehrjährige Haftstrafen. Auch im drogenmäßig liberalen Tschechien sind Herstellung und Handel streng verboten, anders als der Besitz kleiner Mengen für den Eigengebrauch.

Der jüngste Schlag gegen die Drogenszene ist kein Einzelfall. Bereits einen Monat zuvor war der Polizei unweit von Tachov an der bayerischen Grenze ein ähnlicher Coup gelungen: 10 Kilo hochwertiges Crystal Meth und weitere 18 Kilo Metamphetamin in unterschiedlichen Phasen der Vorbereitung, Straßenwert schätzungsweise eine Million Euro. Verhaftet wurden vier Vietnamesen, ihr Labor versteckt in einem unscheinbaren Einfamilienhaus wenige Kilometer von der deutschen Grenze.

Erfolge wie diesen präsentiert die tschechische Polizei in der Öffentlichkeit gern. Gemessen an der Dimension des nationalen Drogenproblems - über 30 000 Schwerstabhängige und mindestens doppelt so viele Gelegenheitskonsumenten - gleicht ihr Effekt jedoch dem sprichwörtlichen Tropfen auf dem heißen Stein. Wie viele Drogenküchen es in Tschechien gibt, weiß in Wirklichkeit niemand auch nur annähernd.

Simple Herstellung

Das Problem besteht darin, dass die Herstellung sehr simpel ist: Die Utensilien für ein Heimlabor passen leicht in eine mittelgroße Plastiktüte. Wer das Rezept kennt, besorgt sich die nötigen Grundstoffe in der Apotheke. Die sind in Tschechien zwar verschreibungspflichtig, doch im benachbarten Polen werden die entsprechenden Medikamente frei verkauft.

Dass ausgerechnet Tschechien zum europäischen Crystal-Zentrum wurde, gilt allgemein als das "Verdienst" von Pavel Gregor. Der heute 60-jährige Prager experimentierte in den 70er Jahren mit synthetischen Drogen und erfand dabei eine einfache Methode, aus pseudoefedrinhaltigen Medikamenten ein mächtiges Aufputschmittel herzustellen. In einer Zeit schwerster politischer Repressionen und staatlicher Willkür wurde es zum Brennstoff für die Seelenflucht aus dem grauen Alltag im Kommunismus.

Auch Stasi war machtlos

Bekannt wurde die Droge in der Prager Subkulturszene unter ihrem ursprünglich in den 30er Jahren für den deutschen Markt geprägten Produktnamen Pervitin. Gewinnstreben spielte damals keine Rolle, die Substanz blieb auf einen relativ engen Kreis von Eingeweihten beschränkt, so dass auch der sonst fast allwissende staatliche Spitzelapparat machtlos war.

"Anfangs haben wir die Droge eigentlich nur für uns selbst hergestellt, für den Verbrauch unserer Clique", erinnert sich Gregor. Nach Jahrzehnten der Abhängigkeit arbeitet er heute als Therapeut in einer Prager Nervenklinik und hilft Patienten, die seiner "Erfindung" verfallen sind.

Die Situation änderte sich radikal, als nach der Wende das organisierte Verbrechen das Potenzial von Crystal entdeckte. Hier traten vor allem vietnamesische Gangs in Erscheinung, mit hervorragenden internationalen Kontakten und im Schutz ihrer isolierten Gemeinschaften agierend. Anders als die typischen tschechischen Dealer, oft selbst Abhängige mit eher geringem Aktionsradius, musste die Mafia zur Profitmaximierung neue Absatzmärkte eröffnen. Diese fand sie in den grenznahen Regionen Bayerns und Sachsens, wo die Droge rasch expandiert.

Export-Labors der Mafia

Jindrich Voboril, Koordinator der staatlichen Drogenbekämpfung in Prag, sieht die tschechische Drogenszene heute zweigeteilt. Während sich der Binnemarkt vor allem aus traditionellen Heimlabors versorge, gehe die höherwertige Produktion aus den professionell arbeitenden Labors der Mafia in den Export. Die Drogenschwemme müsse als "lokale Epidemie" verstanden und entsprechend isoliert und bekämpft werden.

Dafür bedarf es nach Ansicht Voborils eines möglichst dichten Netzes an Beratungszentren mit Sozialarbeitern, wie es sie in Tschechien auch in Kleinstädten gibt. Dass die Pervitinwelle nicht noch früher ins Ausland übergeschwappt ist, hält er für "ein kleines Wunder". Sie nur mit Restriktion in den Griff bekommen zu wollen, sei unrealistisch.

Ein sicheres Rezept gegen die Ausbreitung der Droge kennt man in Tschechien auch nach 40 Jahren Pervitin nicht. Die in den nächsten Wochen und Monaten erscheinende Artikelserie will ein möglichst facettenreiches Bild der Problematik zeichnen, die längst zum Alltag im Grenzgebiet zwischen Tschechien und Deutschland gehört.

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