Das Experiment Egon-Erwin-Kisch-Revival geht zu Ende
Aus für Prager Zeitung

Archivbild mit Nostalgiefaktor: Marcus Hundt, Chefredakteur der Prager Zeitung, blättert in einer Ausgabe. Nun hat das Redaktionsteam die letzte PZ-Ausgabe herausgebracht. Bild: Michael Heitmann/dpa

Von Jürgen Herda

Prag ist ein Mütterchen, das Krallen hat, schrieb Frank Kafka. Uns ehemalige Autoren der Prager Zeitung hat die Moldau-Metropole nie wieder losgelassen. Das liegt zum einen an der elektrisierenden Atmosphäre der goldenen Stadt. Vor allem aber an den Menschen, die dieses außerordentliche Projekt prägten.

Der viel zu früh verstorbene Uwe Müller hat es verstanden, uns Anfänger mit nicht viel mehr als einer mutigen Vision, vielen warmen Worten und wenig Mitteln so zu motivieren, dass wir uns gerne die Prager Nacht um die Uhren schlugen. Not macht erfinderisch, knappe Ressourcen kreativ - das machte die PZ unter seiner Regie aus.

Ich hatte das Glück, eine herrlich originelle PZ-Ära miterleben zu dürfen - mit Wolfgang Jung, personifizierter Schalk im Nacken und heutiger dpa-Moskau-Korrespondent. Mit Georg Pacurar, multinationales Talentpaket und Redaktionssänger. Und Minne Bley, Mutter Courage der PZ, die besser tschechisch sprach als mancher Einheimischer. Erst was danach kam, trug zum Scheitern der PZ bei.

16 Seiten voller Verbitterung - so liest sich die jüngste Ausgabe der Prager Zeitung, die soeben erschienen ist. Es ist zugleich die letzte. Ausgerechnet zu seinem Jubiläum muss das Blatt in deutscher Sprache sein Erscheinen einstellen.

Prag. Neben dem "Landesecho", der Monatszeitschrift für die deutsche Minderheit in Tschechien, erschien 25 Jahre auch die "Prager Zeitung". Der vor ein paar Jahren verstorbene Gründer der PZ, wie das Blatt kurz genannt wurde, Uwe Müller, hatte die Idee, die Zeitung zur einer ",Zeit' Mitteleuropas" (die Hamburger Wochenzeitung) zu machen.

Ein kühnes Vorhaben, für das er äußerst finanzstarke Unterstützung in Deutschland fand: Eine der Familien, die früher an der Herausgabe der Süddeutschen Zeitung beteiligt war, erwärmte sich für ein deutschsprachiges Blatt an der Moldau.

Tradition erhalten

Die PZ war kein Projekt, um richtig Geld zu verdienen. Aber Müller hatte auch mehr im Sinn, die große Tradition der deutschsprachigen Blätter in Prag neu zu beleben. Derer gab es einst viele, mit namhaften Autoren wie Egon Erwin Kisch an der Spitze. Die Geschichte von nationalsozialistischer Besatzung und nachfolgender kollektiver Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei setzte diesem Kapitel ein jähes Ende.

Der Neubeginn wurde von den Lesern goutiert. Man bedachte zunächst auch um die deutsche Minderheit, die in der damaligen Tschechoslowakei verblieben war, mit einer regelmäßigen Beilage, den Landesanzeiger. Die Auflage stieg beständig, das Blatt lag in den Zügen von Prag ins deutschsprachige Ausland und auch in Flugzeugen aus.

Junge Journalisten, die gerade in Deutschland eine Journalistenschule absolviert hatten, machten sich auf den abenteuerlichen Trip nach Prag auf, um Woche für Woche unter schwierigen Umständen ein Blatt aus dem Boden zu stampfen.

Vor jedem Mittwoch, dem Erscheinungstag, herrschte gespannte Atmosphäre in den häufig wegen steigender Mieten gewechselten Redaktionsräumen.

Geschätzt wurde die PZ nicht nur wegen der aktuellen Berichte, Reportagen und Kommentare. Beliebt war besonders die Prag-Beilage, in der Veranstaltungshinweise oder Bewertungen von Restaurants gern gelesen wurden. Aus journalistischen Anfängern wurden gestandene Schreiber, die rasch auch von "richtigen" Blättern oder Nachrichtenagenturen abgeworben wurden. Zu denen zählen unter anderen der heutige Moskauer dpa-Korrespondent Wolfgang Jung, einst stellvertretender Chefredakteur der PZ, oder die frühere Focus- und heutige taz-Korrespondentin und zudem Chefredakteurin des "Landesecho", Alexandra Mostyn.

Mit den Jahren erhöhte sich der Anteil der Werbung in der PZ. Für ein ausreichendes finanzielles Polster waren die Inserate aber zu günstig. Zuletzt war es ein zu teures Unterfangen, dem sinkenden Leserstamm im deutschsprachigen Ausland die Zeitung per Post zuzuschicken. Der durch die Verluste der PZ sicher nicht verarmte deutsche Herausgeber zog die Reißleine.

Ende mit Klagen

Die Schlussnummer der Prager Zeitung ist leider etwas übers Ziel hinaus geschossen. Die Redaktion beklagt sich bitterlich, dass ihre Bittbriefe an Institutionen in Tschechien und Deutschland zur Weiterfinanzierung nicht erhört wurden. Doch wenn das Prager Kulturministerium ein kommerzielles Blatt kofinanziert hätte, wäre das zulasten des "Landesechos" gegangen. Und nebenbei bemerkt, kann sich das "Landesecho" sehr gut mit der PZ messen, gehören doch zu ihren Autoren mehr als solide - und im Vergleich zur PZ meinungsfreudigere - deutsche wie tschechische Spitzen-Journalisten.

Fehlen wird die "Prager Zeitung" dennoch. Sie war über lange Zeit ein besonderes Stück nachrevolutionärer tschechoslowakischer und tschechischer Geschichte. Es liegt jetzt nur noch am "Landesecho", die deutsche Fahne auf einem umkämpften tschechischen Zeitungsmarkt hochzuhalten.
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