25.02.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Der Therapeut und Ex-Crystal-Produzent Pavel Gregor: "Man kann mir nicht viel vormachen" - ...: "Ich kenne ihre Sprache, Tricks und Tücken"

Pavel Gregor arbeitet in der renommierten psychiatrischen Klinik in Prag-Bohnice. Bilder: Pacurar (2)
von Autor PACProfil

Es gibt nicht viele Therapeuten, die das Problem ihrer Patienten besser verstehen als Pavel Gregor. Seit über 45 Jahren dreht sich das Leben des Pragers, Jahrgang 1954, um Drogen: zunächst als Konsument, Abhängiger, Dealer, Produzent und heute als Suchtberater und Therapeut in der renommierten psychiatrischen Klinik in Prag-Bohnice. "Es ist mein Lebensthema", urteilt er im Rückblick.

Herr Gregor, stimmt es, dass Sie der "Erfinder des tschechischen Pervitin" sind? Von Ihnen selbst habe ich diesen Anspruch nie gelesen. Auch über den Beginn der Crystal-Produktion in der CSSR gehen die Angaben auseinander, mal ist von den frühen 70ern die Rede, dann wieder Anfang der 80er. Wie war es wirklich?

Pavel Gregor: Also wirklich erfunden haben wir nichts. Metamphetamin wurde vor über 100 Jahren als Arzneimittel entwickelt, und Pervitin war der Handelsname in Deutschland. Dort wurde es 1959 aus dem Verkehr gezogen, weil es sich gezeigt hatte, dass es abhängig macht. Dann geriet es für ein Jahrzehnt in Vergessenheit, bis es in den USA im Zug der Drogenwelle Ende der 60er Jahre wieder aufgetaucht ist. Bei uns im Ostblock kam die Welle, wie alle anderen auch, mit ein paar Jahren Verzögerung an.

Unsere Leistung, wenn man so will, war die Entwicklung einer Methode, Metamphetamin im Heimlabor herzustellen. Und nicht ich war es, mein Freund Honza kam drauf. Er studierte Chemie, konnte Englisch und Deutsch und hatte Zugang zur Patente-Sammlung der Uni. Dort hat er insgesamt über 40 Patente aus aller Welt aufgestöbert, vier waren für unsere Zwecke geeignet. Aus diesen hat er eine eigene Methode entwickelt, so dass wir aus relativ leicht zugänglichen Substanzen zu Hause Pervitin kochen konnten. Das war 1978.

Ich habe zwar oft zugeschaut und geholfen, aber erst sehr viel später selbst mit der Produktion begonnen, ab 1987. Mir war immer klar, dass es keinen Weg zurück gibt, wenn ich damit einmal anfange. Darum habe ich lange die Finger davon gelassen.

Wo besorgten Sie damals die Grundstoffe? Doch nicht so einfach in der Apotheke?

Pavel Gregor: Doch, aber nicht nur. Der Grundstoff Ephedrin ist in etlichen Medikamenten enthalten. Wir fälschten Rezepte, ab und zu wurde eine Apotheke ausgenommen, dann hatten wir in der Clique Mädchen, die als Krankenschwestern arbeiteten und uns von dort versorgten. Eine Zeitlang jobbten einige von uns in einem pharmakologischen Forschungszentrum in der Nähe von Prag, da gab's alles.

Und das flog nicht auf? Man würde annehmen, dass in einem kommunistischen Staat wie der Tschechoslowakei Polizei und Geheimdienste alles wissen.

Pavel Gregor: Vielleicht war es denen recht, dass wir uns zudröhnten, dann gab es keinen Ärger. Man muss aber auch wissen, dass die synthetischen Drogen, mit denen wir es zu tun hatten, lange Zeit gar nicht gesetzlich erfasst waren, wir bewegten uns in einer Grauzone. Erst 1985 wurden die Substanzen verboten. Vor allem aber war die Drogenszene damals sehr klein. In den 70er Jahren gab es 500 registrierte Abhängige in der Tschechoslowakei mit ihren 15 Millionen Einwohnern. Heute sind es in Tschechien 37 000. Das ist ein Unterschied.

Sie sagten, Crystal begann sich in den USA zu verbreiten, als die Zeichen auf Flower Power standen, Hippies, Experimente, freie Liebe und Freiheit. In der CSSR herrschte nach der Niederschlagung des Prager Frühlings eine Zeit der Repression, also das genaue Gegenteil. Trotzdem führen manche Autoren in beiden Fällen gesellschaftliche Umstände als Ursache für die Crystal-Welle an. Wie passt das zusammen? War Pervitin wirklich der "Fluchtstoff" aus der Unfreiheit, haben Sie das so empfunden?

Pavel Gregor: Nein, das ist zu weit hergeholt. Als ich 1968 zum ersten Mal mit Drogen experimentierte, war der Prager Frühling noch im Gang. Ich war 14 und habe aus reiner Neugier rumprobiert, Lösungsmittel geschnüffelt, aufputschende Medikamente genommen. Noch früher waren da Alkohol und Tabak, die klassischen Einstiegsdrogen. Ich war mit acht zum ersten Mal betrunken beim Geburtstag eines Freundes. Kirschwein und Punsch für ein paar Kronen, hundeelend ging es uns danach.

Alkohol probiert hatte ich schon vorher, mein Vater machte zu Weihnachten Eierlikör, meine Oma gab mir immer Punsch zum Kosten. So fängt es meistens an, der "normale" Alkoholkonsum in der Familie. Kinder lernen die Wirkung des Alkohols sehr schnell kennen und können Gefallen daran finden.

Meine Eltern waren keine Trinker, aber beide rauchten. Meine Mutter war recht neurotisch, es gab viel Geschrei und Streit, manchmal gab es Handgreiflichkeiten. Entsprechend hatte ich es nie eilig, nach Hause zu kommen. Meistens trieb ich mich mit der Clique auf der Straße rum, an der Moldau, wir kannten sämtliche Keller und Dachböden im Viertel.

Und die anderen Jungs aus der Clique? Sind auch die bei Drogen gelandet?

Pavel Gregor: Eigentlich nur ich, obwohl manche auch rumprobiert haben. Zwei begingen später Selbstmord, andere wurden gewalttätig und landeten im Knast, wieder andere wurden alkoholabhängig. Aber dummerweise wird Alkohol bei uns ja nicht als Droge betrachtet.

Welche Wirkung hatte das Schnüffeln von Lösungsmitteln auf Sie?

Pavel Gregor: Ich hatte Haluzinationen. Die Wirkung war meist negativ, ich hatte Angstzustände. Aber ich wollte nicht als Schwächling dastehen und mich vor der Clique blamieren, also bin ich da durch. Das ist auch einer der zentralen Aspekte der Sucht: die Clique.

Als ich an die Mittelschule wechselte und ins Internat kam, wechselte auch die Clique. Ich wurde Automechaniker und machte gleichzeitig Abitur. Keine Drogen mehr und nichts dergleichen. Getrunken habe ich schon ab und zu, geraucht auch, aber nicht viel. Bis zu meinem 18. Lebensjahr kam ich mit einer Schachtel pro Woche aus.

Wann und warum ist es dann wieder losgegangen?

Pavel Gregor: Ich hatte einen älteren Bruder, er ist später an einer Überdosis gestorben, aber damals war er ein toller Typ für mich, ein Mann von Welt, den ich schwer bewunderte. Er arbeitete als Barmann in einem angesagten Lokal. Ich half ihm am Wochenende immer mal aus, bekam dafür etwas Geld und West-Zigaretten, mit denen ich vor den Mädchen aufschneiden konnte. Er nahm mich ab und zu in die Szene am Wenzelsplatz mit, wo die Schwarzhändler, Geldwechsler und Nutten unterwegs waren. Sein Motto war: Man muss alles probieren, und wenn du zwischen zwei Lastern wählen sollst, nimm beide. Ich war damals ziemlich einsam, nicht besonders attraktiv, sehr schüchtern, lief sofort rot an.

In einer berüchtigten Kneipe bei uns um die Ecke verkehrte alles, was mit dem Prager Underground zu tun hatte - Musiker, Geschäftemacher, Künstler, Schauspieler, rauflustige Rugby-Spieler, quer durch die Bank. Ich saß an einem Tisch mit ein paar Langhaarigen und schnappte auf, dass einer davon Drogen nahm, es ihm schlecht ging und er Medikamente bräuchte. Er nannte ein paar. Um mich wichtig zu machen, sagte ich, die haben wir zu Hause.

Meine Mutter war auf Kur, wir hatten sturmfreie Bude. Wir landeten also alle bei uns, und es stieg eine Party, bei der wir sämtliche psychoaktiven Substanzen aus der Hausapotheke konsumierten. Damit begann für mich eine Phase von drei Jahren, in denen ich sämtliche verfügbaren Drogen probierte. Dann kam meine erste Ehe, der Wehrdienst und wieder eine Zeit ohne Drogen, sechs Jahre.

Bei Ihnen wechselten sich Phasen mit und ohne Drogen oft ab. Sie müssen also schon den Wunsch gehabt haben, davon loszukommen.

Pavel Gregor: Ja, in der Armee war ich sogar erfolgreicher Leistungssportler. Beim landesweiten Wettbewerb der Aufklärer habe ich den ersten Platz gewonnen unter 10 000 Soldaten. In der Drogenszene war ich meines Wissens der Einzige, der immer eine geregelte Arbeit hatte. Ich habe als Automechaniker beim Prager Taxidienst gearbeitet, später europaweit als Fahrer, ich bin jetzt mehr als 30 Jahre berufstätig.

Natürlich habe ich immer wieder versucht, aufzuhören, das will eigentlich jeder Süchtige. Viele sterben ja auch nicht an einer Überdosis der Droge selbst, sondern begehen Selbstmord, weil sie nach etlichen Rückfällen keinen Ausweg sehen.

Warum schaffen es manche, während andere scheitern?

Pavel Gregor: Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit, es spielen viele Faktoren hinein, individuelle, genetische, soziale, in ein paar Sätzen lässt sich das schwer erklären. Ein Grundfehler ist, wenn es die Betroffenen auf eigene Faust versuchen. Fast immer kommt es nach ein paar Monaten oder Jahren zum Rückfall. Man vergisst, dass man süchtig ist und glaubt, man hätte es hinter sich. Es gibt aus meiner Sicht keinen Weg daran vorbei, professionelle Hilfe aufzusuchen und ein volles Therapieprogramm zu absolvieren, vom Entzug bis zur begleitenden ambulanten Beratung, das kann zwei, drei Jahre nach der Abstinenz dauern.

Glauben Sie, dass Ihr Werdegang und die jahrzehntelangen Drogenerfahrungen Sie zu einem besseren Therapeuten machen?

Pavel Gregor: So würde ich das nicht sagen. Es gibt gute Therapeuten, die nie Drogen nahmen. Mein Vorteil ist vielleicht, dass ich mich in die Patienten reinversetzen kann, weiß, was in ihnen vorgeht, ihre Sprache, Tricks und Tücken kenne. Man kann mir also nicht viel vormachen, das merken sie auch und verhalten sich entsprechend. Mir nehmen sie es ab, wenn ich meinen Leitsatz bringe: Quatschen kann jeder, Taten zählen.

Sie sind seit Jahren nicht mehr in der Szene. Passiert es manchmal, dass Patienten Sie erkennen?

Pavel Gregor: Ja, seit der Film ("Piko" aus dem Jahr 2011 erzählt die Geschichte Pavel Gregors, Anm. d. Red.) gelaufen ist, werde ich oft darauf angesprochen.

Sie haben zwei erwachsene Kinder, die Ihre Geschichte natürlich kennen. Wie gehen sie damit um?

Pavel Gregor: Bei den Kindern von Drogensüchtigen gibt es meistens zwei Extreme. Entweder landen sie auch auf der gleichen Schiene, oder sie schlagen ins Gegenteil. Meine Kinder sind beide Polizisten geworden. Meine Tochter wusste schon mit 15 Jahren, dass sie zum Drogendezernat will. Sie ist heute 28 und war die jüngste Beamtin der tschechischen Polizei im Rang eines Hauptmanns.

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