24.11.2017 - 18:46 Uhr
Deutschland & Welt

Erste Kopftransplantation geplant: Ruhm oder Patientenwohl

Vorsichtige Zurückhaltung ist die Sache eines Sergio Canavero nicht. Er will der erste sein, der mit der Transplantation eines Menschenkopfes in die Geschichtsbücher eingeht. Die Begeisterung hält sich in Grenzen.

Der italienische Chirurg Sergio Canavero erläutert an einem Bildschirm in Turin einen Eingriff. Bild: Sismondi/Fotogramma/ROPI/dpa
von Agentur DPAProfil

Harbin. Wie die weltweit erste Kopftransplantation ablaufen soll, hat Sergio Canavero genau vor Augen: In einem mindestens 200 Quadratmeter großen Operationssaal arbeiten Spezialisten an Spender und Empfänger, die fixiert in Metallgestellen sitzen. "100 Experten aus aller Welt werden diesen monumentalen Eingriff wagen", schreibt der italienische Neurochirurg in seinem Buch "Medicus Magnus".

Ursprünglich für 2017 angekündigt, solle nun im kommenden Frühjahr der Kopf eines schwerkranken Menschen auf den Körper eines hirntoten Spenders gesetzt werden. So zumindest kündigt es der Verlag mit Verweis auf Canavero an. Das wirkt vor allem deshalb so irrwitzig, weil jedwede wissenschaftliche Vorstufe fehlt: Weder wurden in den vergangenen Jahren massenhaft Tierköpfe erfolgreich verpflanzt, noch wurden reihenweise Menschen vermeldet, die nach Rückenmarksverletzungen geheilt wurden. Das Urteil aus Fachkreisen hat darum seit den ersten Ankündigungen Canaveros nicht an Eindeutigkeit verloren: "Reine Publicity", sagt Edgar Biemer von der Praxisklinik Caspari in München, der in Deutschland an einer spektakulären Armtransplantation beteiligt war. "Die Verbindung zum Rückenmark bei einer solchen Transplantation wieder herzustellen, halte ich für absolut unmöglich." Auch Veit Braun, Chefarzt der Neurochirurgie am Diakonie-Klinikum in Siegen, betont: "Wenn ich ein Rückenmark vom Kopf abtrenne, dann ist das hin, und zwar ein für alle Mal." Ein Chinese werde derjenige sein, der einen anderen Körper unter seinen Kopf gesetzt bekommt, verkündet Canavero, und überwiegend chinesisch soll auch das Team sein. "China will mit der ersten Kopftransplantation seine Stellung als neue Supermacht auch in der Medizin untermauern." Das Gespräch strotzt vor Superlativen, sein Projekt hält er für mindestens so wichtig wie die Mondlandung.

"Es geht hier um Ehrgeiz und nicht um die Sache an sich", sagte Uwe Meier vom Berufsverband Deutscher Neurologen vor einiger Zeit zu Canaveros Ankündigungen. Dass dem Italiener vor allem am Ruhm gelegen sein dürfte, lässt er auch in seinem Buch durchblicken. Immer nur der erste, der etwas Neues wage, lande in den Geschichtsbüchern, schreibt er. "Um die Menschheit zu verändern, muss man mutig sein - manche sagen auch: ein Draufgänger."

Und der Patient? Hat der nicht ein hohes Risiko, beim Umsetzen seines Kopfes zu sterben? "Ja, hat er", schreibt Canavero. "Jede andere Aussage wäre nicht ehrlich." Ein Grund zum Abwarten ist das für ihn nicht. "Dürfen ethische Bedenken einen Wissenschaftler hindern, zum Wohle der Menschheit moralische Grenzen, wie sie eine Gesellschaft versteht, zu überschreiten? Meine Antwort ist eindeutig: nein."

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