11.03.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Eva (36) und Martin (50): Der Weg eines Crystal-abhängigen Paares zurück in die Normalität des ...: "Einmal Drogen-Hölle und zurück"

Die Schauspielerin Simona Zmrzlá spielt in dem tschechischen Film "Pico - One Way Ticket" eine Crystal-abhängige junge Frau. Der halbdokumentarische Streifen porträtiert die Clique um Pavel Gregor (Interview vom 25. Februar), eine zentrale Figur der tschechischen Crystal-Meth-Szene. Bider: Pacurar (2)/ Pikofilm
von Autor PACProfil

Auf den ersten Blick sind Eva C. (36) und Martin V. (50) ein ganz gewöhnliches Paar. Erfolgreich selbstständig, sie als Architektin, er als Musikkritiker, bringen sie ihre Patchworkfamilien besser durch als viele andere Prager in einer ähnlichen Situation. Es gibt genug Geld für eine Vierzimmerwohnung im teuren Zentrum der tschechischen Hauptstadt, Sprach-, Kunst- und Sportkurse für die drei Kinder aus früheren Ehen, gemeinsame Reisen ins Ausland. Ihre Vergangenheit sieht man den beiden nicht an.

Dass Eva in ihrer Jugend als Punk von einem besetzten Haus ins andere zog und jahrelang von Crystal abhängig war, passt nicht zum Erscheinungsbild, das die adrette, schlanke Blondine heute abgibt. Ebenso wenig sieht man Martin, athletisch gebaut, mit stahlblauen Augen und grauem Stoppelhaar, den Junkie an, der er über 15 Jahre lang war. "Pervitín, Koks, Heroin, dazu Alkohol in rauhen Mengen, ich habe alles genommen", gesteht er lächelnd. Nur das auffällig ebenmäßige, Hollywood-weiße Gebiss im furchigen Gesicht könnte Verdacht aufkommen lassen.

Martin gehörte in den 80er Jahren zur exklusiven kleinen Drogenclique in der Prager Undergroundszene: Musiker, Künstler, Herumhänger - als Handballer war er ein Exot. Nach der Wende, als Heroin und Kokain die Städte in der CSSR überschwemmten, wechselte er von synthetischen Substanzen, Crystal und "Brown", einem in Heimlabors gepanschten Heroin-Imitat, zum Original. Mehr als zehn Jahre hing er an der Nadel. Heroin begleitete seinen Weg vom populären Konzert- und Partyveranstalter in Prag nach Paris, wo er mit seiner französischen Freundin, ebenfalls süchtig, vergeblich Fuß zu fassen suchte, bis er Ende der 90er Jahre an die Moldau zurückkehrte: abgemagert, ohne Zähne, obdachlos, seine Freundin zwischenzeitlich an einer Überdosis gestorben.

Sport als Lebensretter

"Vielleicht waren es die frühen Jahre Leistungssport, die mich gerettet haben. Jemand mit einer schwächeren Konstitution hätte das wahrscheinlich nicht überlebt", vermutet Martin. Sicher waren es aber die Bemühungen seines Vaters, Sportlehrer im Ruhestand, und einiger enger Freunde, die ihm den Ausstieg eröffneten. Entzug, Therapie, Sport. Nach "zwei, drei Jahren" konnte er wieder arbeiten und die Grundlagen für ein selbstständiges Leben schaffen, mit knapp 40. Völlig abstinent lebt Martin, der seine Schwäche für Bier und Zigaretten mit vielen Landsleuten teilt, immer noch nicht. Aber harte Drogen hat er "seit zwölf Jahren nicht mehr angefasst".

Evas Weg war weniger traumatisch, der Abstieg nicht so tief. Zum Abitur wurde sie trotz vieler Absenzen mit 19 zugelassen, blieb nur ein Schuljahr sitzen, bestand mit ordentlichem Ergebnis. Danach ging sie, einer Mode der Gleichaltrigen folgend, für ein Jahr nach England, als Au-pair. Diese Veränderung leitete den Ausstieg ein, den die Jugendliche gar nicht geplant hatte. "Es war eine völlig andere Welt, in die ich da kam. Plötzlich Kinder, Verantwortung, Sprachkurs, neue Freunde, nach ein paar Monaten hatte ich das Leben in Prag fast vergessen", sagt sie.

Aus dem Jahr in England wurden drei, nach der Zeit als Au-pair folgte eine Webdesign-Ausbildung. Nach Prag kehrte sie als "völlig anderer Mensch" zurück, "ohne Interesse" an der alten Clique. Studium, Praktika, Wettbewerbe, Preise. Wenn sie heute Bekannten aus der Zeit "vorher" begegnet, sieht sie sich "irgendwo ganz anders". Dass sie sich nicht an die Warums und Wies ihrer Drogenkarriere erinnern will, lässt Traumatisches vermuten. Schlussstrich.

Trailer zum Film:

Ohne Hilfe geht es nicht

Evas Beispiel zu folgen und den Ausstieg auf eigene Faust zu versuchen, davon rät Pavel Gregor ab. Der Prager Therapeut, lange Jahre selbst drogensüchtig (wir berichteten), rät Abhängigen dringend dazu, professionelle Hilfe aufzusuchen. Anderenfalls komme es oft zum Rückfall. "Man vergisst irgendwie, dass man süchtig ist und glaubt, man hätte es hinter sich, was das erneute Probieren einleitet, und schon geht es wieder los", weiß Gregor aus beruflicher wie persönlicher Erfahrung. Dennoch schließt er nicht aus, dass auch der individuelle, fachlich unbetreute Ausstieg gelingen kann.

Darin stimmt ihm der Psychiater Marian Koranda, Chefarzt der Prager Entzugsklinik Pod Petrínem zu: "Es ist natürlich ein Unterschied, ob jemand ein paar Monate mit Drogen experimentiert hat oder jahrelang abhängig war. Je länger man konsumiert, desto schwerer ist es in der Regel, damit aufzuhören. Crystal radiert den Willen aus." Umgekehrt verfügten ältere Abhängige in der Regel aber über mehr negative Erfahrungen und schöpften darin die Motivation, Schluss zu machen, während Jüngere die "wirklichen Tiefen noch gar nicht durchlebt" hätten. "Bei Jugendlichen sind es oft die Eltern, die Druck machen. Die Betroffenen selbst könnten da noch dem Trugschluss erliegen, dass sie von der Droge profitieren. Sie entziehen ohne eigene innere Überzeugung und werden entsprechend leicht rückfällig", sagt Koranda.

Ausstieg auf eigene Faust

Als positives Beispiel für einen gelungenen Ausstieg, aus freien Stücken und ohne fachliche Hilfe, beschreibt Kamil seine Geschichte im Rückblick. Der Prager, ein Junge aus gutem Hause, begann mit 14 Jahren auf dem Gymnasium zu kiffen und landete ein Jahr später über die Clique bei Crystal. "Mein Glück war, dass ich schon sehr früh Psychosen erlebt habe und panische Angst bekam", berichtet er. Mit 16 beschloss er, abgeschreckt vom Beispiel einer Freundin, die in die Prostitution abdriftete, "damit Schluss zu machen". Während der Sommerferien quartierte er sich drei Wochen im Wochenendhaus seiner Eltern ein, ertrug Zustände von Depression und Leere und kehrte "clean" wieder nach Prag zurück. Hier spielte ihm ein Zufall in die Hände: In der Zwischenzeit war der Lieferant seiner Clique verhaftet worden und sollte für Jahre im Gefängnis verschwinden.

"Das war ideal, denn so kam ich am Anfang gar nicht erst in Versuchung", erinnert er sich. Von seinem Problem ahnten seine Eltern nie etwas. "Ich war ein guter Schüler, auf Speed kann man eine Weile höllisch gut lernen", sagt Kamil, der im Sommer sein Jura-Examen an der Karlsuniversität macht. Kamil ist Raucher und bezeichnet sich als "Gelegenheitskiffer". Harte Drogen will er seit zwölf Jahren nicht mehr genommen haben und ist überzeugt, dass es auch dabei bleiben wird.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.