Flüchtling nach Mord an Studentin vor Gericht
Freiburg ringt um Sicherheit

Ein Polizeifahrzeug fährt in Freiburg durch die Fußgängerzone. Seit in der Stadt eine Studentin ermordet und ein junger Flüchtling festgenommen wurde, fühlen sich die Bürger unsicher. Bild: Patrick Seeger/dpa

Mordprozess statt Postkartenidylle: Der gewaltsame Tod einer Studentin vor einem Jahr beschäftigt Freiburg bis heute. Vor Gericht steht ein junger Flüchtling. Die Bürger sind dankbar für mehr Polizeipräsenz. Das war nicht immer so.

Freiburg. Die Fotos vom Tatort mit Blumen, Kerzen, Abschiedsbriefen und einem rot-weißen Absperrband der Polizei gingen um die Welt. Sie wurden zum Symbol einer Stadt, die nach dem Mord an einer Studentin und der Festnahme eines jungen Flüchtlings unter Schock und in Trauer ist. Am Montag jährt sich die Tat in Freiburg zum ersten Mal. Sie hat die Stadt verändert. Und löste, noch vor dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember, überregional Debatten über die deutsche Flüchtlingspolitik aus.

Der Debatte gestellt

Juristisch spielt der Fall vor dem örtlichen Landgericht. Dort steht seit Anfang September der nach eigener Aussage aus Afghanistan stammende Hussein K. vor Gericht. Er hat gestanden, die 19 Jahre alte Medizinstudentin am Ufer des Flusses Dreisam gewürgt, vergewaltigt und getötet zu haben. Und er hat zugegeben, älter als 17 Jahre zu sein. Dieses Alter hatte er angegeben, als er im November 2015 ohne Papiere nach Freiburg kam und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling eingestuft wurde.

Die Anklage lautet auf Mord und besonders schwere Vergewaltigung. Ein Urteil könnte im Dezember gesprochen werden, sagt ein Gerichtssprecher. Politisch sind die Folgen der Tat im Freiburger Rathaus zu spüren. "Es ging und geht darum, in einer emotionalisierten Situation kühlen Kopf zu bewahren", sagt im dortigen Chefzimmer Dieter Salomon. Der Grünen-Politiker ist Oberbürgermeister von Freiburg. Nach dem Mord an der Studentin vor einem Jahr und dem Tatverdacht gegen den Flüchtling Hussein K. stellte sich Salomon der Debatte.

"Was mich entsetzt und ratlos gemacht hat, war das schiefe Bild von Freiburg, das bundesweit transportiert wurde", sagt er. Galt die Stadt im Schwarzwald zuvor als Idylle, sei sie plötzlich "die kriminellste Stadt Deutschlands" gewesen. "Frauenreisegruppen aus anderen Städten haben angefragt, in welchem Hotel sie in Freiburg sicher sind oder ob sie den Freiburg-Besuch absagen sollen", sagt Salomon. "Da ist man fassungslos. Es wurde der Eindruck vermittelt, man könne in Freiburg nicht mehr alleine vor die Tür gehen."

Dauerhaft mehr Polizei

Das Bild der Stadt bekam durch die Tat Risse. Das als linksliberal und weltoffen geltende Freiburg wurde öffentlich als Beispiel einer verfehlten Flüchtlingspolitik genannt. Und das Sicherheitsgefühl der Bürger verschlechterte sich deutlich, wie der Oberbürgermeister feststellen musste. "Es galt zu handeln", sagt Salomon. Die Ergebnisse sind inzwischen sichtbar: "Wir haben heute eine höhere Polizeipräsenz in der Stadt", sagt Freiburgs Polizeipräsident Bernhard Rotzinger. Die grün-schwarze Landesregierung schickt seit dem Mord dauerhaft mehr Polizisten nach Freiburg, die Stadt stellt zusätzlich kommunale Ordnungshüter ein. Diese sind seit Mittwoch auf der Straße. Auch die Videoüberwachung an Kriminalitätsschwerpunkten wird ausgebaut, dunkle Ecken und gefährliche Gebiete sollen mit zusätzlicher Beleuchtung sicherer werden.

Widersprüchliches Bild

"Freiburg ist in der Realität angekommen", sagt der Polizeipräsident. Und: "Über mehr Polizei auf der Straße freuen sich die Menschen in der Stadt und sind dankbar. Das war nicht immer so." Eine erste Bilanz zeige, dass die Zahl der Straftaten in den vergangenen Monaten um mehr als zehn Prozent zurückgegangen sei. Nicht verringert habe sich das Engagement der Flüchtlingshilfe, sagt Freiburgs Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD). "Die Tat eines einzelnen hat nicht zu einem generellen Stimmungswandel geführt."

Widersprüchlich ist das Bild, das von Hussein K. bislang bleibt. Der junge Mann, der streng bewacht sowie in Handschellen und Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt wird, nimmt ohne äußerliche Regung an dem Prozess teil. Während ihn manche Zeugen als lernwillig und sympathisch bezeichnen, stellen ihm andere ein schlechtes Zeugnis aus. "Er wollte sich nicht integrieren", sagt ein früherer Freund von ihm. Drogen und Alkohol hätten sein Leben in Deutschland bestimmt.
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