15.09.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Forscher sagen: Berichte über Suizide können Betroffenen auch helfen Papageno und Werther: Die gegensätzlichen Effekte

Das Stichwort

Werther-Effekt

Als Werther-Effekt wird in der Medienwirkungsforschung, Sozialpsychologie und Soziologie die Annahme bezeichnet, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Suiziden, über die in den Medien ausführlich berichtet wurde, und einer Erhöhung der Suizidrate in der Bevölkerung besteht.

Der Begriff geht zurück auf das Auftreten einer "Suizidwelle" nach der Veröffentlichung von Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers" im Jahr 1774 und der zahlreichen Nachahmungen (Wertheriaden). Dieses Phänomen wurde in der Wissenschaft kontrovers diskutiert: Während einige Forscher von einer Epidemie sprachen, verwiesen andere auf die rückwirkend unzureichende epidemiologische Erfassung oder redeten von keinen nachweisbaren Selbsttötungen in der Nachahmung von Werther. Andere Forscher verweisen auf eine lediglich zweistellige Anzahl von Suiziden, die nachweislich in Zusammenhang mit dieser Buchpublikation gestanden hätten.

Papageno-Effekt

Der Papageno-Effekt steht inhaltlich dem Werther-Effekt gegenüber und beschreibt den Umstand, dass eine gewisse Berichterstattung über Suizide sogar solche in Zukunft verhindern kann. Wichtig sind hierbei folgende Aspekte: Beschreibungen von konstruktivem Krisenmanagement, Vermeidung einer monokausalen Darstellung des Motivs, Verzicht auf detailreiche Beschreibungen der genauen Umstände der Tat und der Person, Interviews mit Angehörigen, keine Heroisierung oder Romantisierung, individuelle Problematik erklären, Lösungsansätze und professionelle Hilfsangebote aufzeigen.

Der Begriff stammt von der Figur Papageno aus Mozarts "Zauberflöte", der seine anfänglichen Suizidgedanken mit Hilfe von Anderen überwinden kann. (Quelle: Wikipedia)

München. Eine geregelte Berichterstattung über Suizide kann laut Medienforschern Menschen mit Selbsttötungs-Absichten helfen. Es komme aber auf den Inhalt an, "also auf das Wie der Darstellung", sagt Florian Arendt vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Ein Mann greift zum Telefonhörer. Vor ihm: Literatur zu den Themen Suizid und Krisen. Symbolbild: Friso Gentsch/dpa
von Agentur EPDProfil

"Wenn die erfolgreiche Bewältigung von Krisen im Vordergrund steht, kann das Betroffenen helfen, suizidale Krisen zu überwinden", so Arendt. Dies werde Papageno-Effekt genannt. Dazu gehöre etwa, wie Suizide in Nachrichten, Filmen oder Serien dargestellt würden, und ob es Informationen zu Hilfsangeboten, wie etwa die Telefonseelsorge, gebe. Das Gegenteil des Papageno-Effekts ist der Werther-Effekt - also dass Menschen mit Suizidgedanken durch entsprechende Medienberichterstattung ihren Plan in die Tat umsetzen.

Für die Presse gebe es bereits Empfehlungen, worauf bei der Berichterstattung über Suizide zu achten sei. Nun müssten auch Unterhaltungsindustrie und Online-Suchmaschinen stärker in die Pflicht genommen werden. Dazu brauche es Testvorführungen oder Beratung durch Experten. "Es sollten Richtlinien erarbeitet, verbreitet und umgesetzt werden, worauf bei der Darstellung von Suiziden geachtet werden sollte", sagt Arendt. Ein aktuelles Beispiel "für möglicherweise negativen Konsequenzen" liefere die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht", die sich mit dem Suizid einer 17-Jährigen auseinandersetzt. Auch Suchmaschinen wie Google sollten Nutzer, die entsprechende Stichwörter eingeben, noch stärker auf Hilfsangebote hinweisen, fordern die Forscher. Als Beispiel nannten sie den Suizid des US-Schauspielers Robin Williams im Jahr 2014. Unmittelbar nach dessen Tod, über den die Medien intensiv berichtet hatten, seien Wörter wie "hanging" und "commit suicide" überdurchschnittlich oft gegoogelt worden.

Aus dem Pressekodex

In Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) heißt es: "Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden."

Und weiter: "Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensations-Interessen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.

Die Presse gewährleistet den redaktionellen Datenschutz."

In Richtlinie 8.7 (Selbsttötung) ist ergänzend festgehalten: "Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände."

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