05.12.2017 - 22:36 Uhr
Deutschland & Welt

Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) zeigt ernüchternde Trends: Schüler lesen immer schlechter

Zehntausende Schüler können nicht gut genug lesen - Tendenz steigend. Andere Staaten ziehen reihenweise an Deutschland vorbei. Für die Bundesregierung ist die neuste Schulstudie ein Weckruf.

von Agentur DPAProfil

Berlin. "Es ist eine einzige Schande", stöhnt Wilfried Bos. Seit 16 Jahren untersucht der Dortmunder Bildungsforscher, wie gut Deutschlands Grundschüler im internationalen Vergleich abschneiden. Die neue Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) zeigt ernüchternde Trends: Die Schulen verhelfen den Kindern aus sozialschwächeren Elternhäusern heute noch weniger zum Erfolg als 2001. Noch mehr Kinder können zum Ende der Grundschule nicht so gut lesen, dass sie Texte auch wirklich durchdringen.

Dabei ist auf den ersten Blick alles gar nicht so schlimm. Im Schnitt sind die Leseleistungen der Viertklässler seit 2001 fast stabil geblieben. Es gibt zwar mehr Kinder mit Migrationshintergrund, somit also auch mehr aus ärmeren Familien, die nicht so fest in die Gesellschaft eingebunden sind. Trotzdem liegen die Leistungen weiter über dem internationalen Mittelwert. Aber: Deutschland fällt zurück. 2001 waren nur vier Staaten besser - 2016 waren es zwanzig.

Der Anteil der Viertklässler, die nicht richtig lesen können, ist seit 2001 um 2 Prozentpunkte auf 18,9 Prozent 2016 gestiegen. 2011 waren es noch 15,4 Prozent. In Österreich waren es 2016 nur 15,6 Prozent, in Schweden 12,2. In Deutschland hat also fast jeder Fünfte nach der Grundschule Probleme mit dem Lesen. Das heißt nicht, dass sie nicht lesen können. Aber sie scheiterten an Verständnisfragen. Wer Tests in der vierten Klasse nicht besteht, hat es laut Bos auch später schwer: "Das wird durchgereicht, das sind die Kinder, die in den Klassen fünf, sechs, sieben auch nicht weiterkommen."

Allerdings: Es gibt auch mehr Viertklässler mit besten Leseleistungen - ihr Anteil stieg auf 11,1 Prozent (plus 2,5 Punkte). Sie können nach der Lektüre einen Text einordnen und interpretieren. Sieben von zehn Kindern haben Spaß am Lesen - und stecken zumindest ein- bis zweimal wöchentlich ihre Nase auch außerhalb der Schule in ein Buch. Mädchen etwas häufiger als Jungen. Aber: 2001 waren es gut 5 Prozent mehr.

Soziale Unterschiede

Besonders ernüchternd: Deutschland hat es nicht geschafft, Kindern aus bildungsferneren Elternhäusern bessere Schulchancen zu geben. So ist der Vorsprung von Kindern aus Familien mit mehr als 100 Büchern gegenüber Familien mit weniger Büchern höher als in fast allen 47 Vergleichsländern. Nur in Bulgarien und der Slowakei sind Auswirkungen sozialer Unterschiede auf die Bildungschancen genauso stark, in Ungarn sogar etwas stärker. Für Deutschland meinen die Forscher: Kinder aus Familien mit wenig Büchern hinken den Kindern aus Familien mit vielen Büchern in ihren Leistungen rund ein Lernjahr hinterher. Auch bei Gymnasialempfehlungen kommt es aufs Elternhaus an. Kinder aus oberen Schichten liegen dabei zu 2001 heute sogar noch deutlicher vorne. "Ganz offensichtlich verschleudern wir da Potenziale", sagt Bos.

Auch Susanne Eisenmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, redet nicht herum: IGLU zeige einen Rückschritt, meint sie, der "Handlungsbedarf" sei groß. Gefordert seien auch die Eltern: "Man kann nicht von Kindern verlangen, dass sie öfter zu einem Buch greifen, wenn man selbst regelmäßig am Smartphone herumspielt." Einig sind sich die Experten: Zuviel sei mit "strukturellen Reformen" wie G8/G9 herumexperimentiert worden. Bildungsforscher Bos fordert mehr Ganztagsschulen, die nicht nur reine Betreuungseinrichtungen sind. Kinder sollten auch nicht schon nach der vierten Klasse auf die Schulformen verteilt werden.

Man kann nicht von Kindern verlangen, dass sie öfter zu einem Buch greifen, wenn man selbst regelmäßig am Smartphone herumspielt.Susanne Eisenmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz

 

 

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