17.10.2017 - 18:44 Uhr
Deutschland & Welt

Homosexuelle haben Angst Leben im Verborgenen

Tanja Koller klärt seit 2013 über das Thema Homosexualität an Schulen in Weiden auf. Sie wird angefeindet und bekommt kaum Unterstützung. Viele der Homosexuellen in der Oberpfalz haben Angst, ihre Neigung Familie oder Freunden zu offenbaren.

"Die Leute haben Angst. "Schwul" ist auf Schulhöfen wieder ein gängiges Schimpfwort." Zitat: Tanja Koller, Mitarbeiterin in der Kolping Jugendhilfe und ehemalige SPD-Stadträtin
von Dominik Konrad Kontakt Profil

Weiden. "Ich bin allein auf weiter Flur", sagt Tanja Koller. Im Jahr 2013 startete sie das Aufklärungsprojekt Plato, um in der Oberpfalz über das Thema Homosexualität zu informieren. Seither organisiert sie Veranstaltungen und hält jedes Jahr an der Universität Regensburg einen Vortrag bei den angehenden Lehrern im Fach Biologie. Auch am Augustinus-Gymnasium, an der Max-Reger-Mittelschule und an der Wirtschaftsschule in Weiden war Koller.

In der Region ist sie die Einzige, die sich um das Thema kümmert und eine Anlaufstation für homosexuelle Jugendliche ist. Geld bekommt sie dafür keines. Aufklärung über gleichgeschlechtliche Liebe wird in der Oberpfalz finanziell nicht gefördert. Anders als etwa in München, wo sich Koller ihr Schulungsmaterial besorgt hat, oder im Bundesland Nordrhein-Westfalen, wo es sogar einen Landeskoordinator gibt.

"Es gibt noch viel zu tun", findet Koller. "Ich versuche mein Bestes, es ist nicht so einfach. Ich habe in allen Schulen in Weiden vorgesprochen, aber nicht alle wollten mich haben." Warum gerade einige Schulen im Bündnis "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" sie nicht eingeladen haben, verstehe sie nicht. "Ich bin auch angefeindet worden."

"Suche mir das nicht aus"

Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung sei laut Studien homosexuell, sagt Koller. Es sei allerdings schwer, zu genauen Zahlen zu kommen. Bei Befragungen würde nicht immer ehrlich geantwortet.

Zehn Prozent Homosexualität, "das bedeutet, Sie laufen in der Mittagspause durch die Stadt und gehen an Leuten vorbei, von denen Sie nicht wissen, dass sie homosexuell sind, oder die es sich nicht eingestehen". Nur ein Bruchteil merke schon in der Kindheit, dass da was anders ist. Viele gingen eine gewöhnliche Beziehung ein. "Man macht, was normal ist. Was von der Familie auch gern gesehen wird", erläutert die 42-Jährige Weidenerin. "Irgendwann merken viele, der Mann den ich habe, der ist zwar ganz nett, aber da fehlt doch die Liebe. Man merkt das einfach, wenn man wirklich verliebt ist."

Die sexuelle Orientierung sei angeboren. "Ich suche mir nicht aus, dass ich lesbisch bin", sagt Koller. "In der Jugend zu erkennen, man ist homosexuell, das ist oft nicht einfach." Es könne dauern, bis sich die Leute das eingestehen. Normalerweise im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, manchmal auch viel länger. Und manche gestehen es sich auch aufgrund ihrer Erziehung ihr Leben lang nicht ein. "Sie haben sich damit arrangiert. Frauen gehen in ihrer Mutterrolle auf und das passt. In Männer kann ich mich nicht reinfühlen", meint Koller.

Zweimal verprügelt

Das sogenannte "Outing", also das Bekanntmachen der eigenen sexuellen Orientierung bei Familie, Freunden und Kollegen ist eine heikle Angelegenheit: "Die Leute haben Angst. 'Schwul' ist auf Schulhöfen wieder ein gängiges Schimpfwort."

Ein junger Mann sei in Weiden zweimal krankenhausreif geschlagen worden, weil er gesagt hatte, er sei schwul. Viele Leute würden Koller anbieten, mit zu helfen. Aber in die Öffentlichkeit trauen sie sich nicht. "Ich habe ganz viele Gesichter im Kopf, von denen ich weiß, dass sie im Berufs- und Privatleben nicht geoutet sind." Diese Menschen können nicht einmal jemanden in ihre Wohnung einladen, denn oft hängen dort Bilder der Partner. "Die große Menge lebt im Verborgenen", weiß die ehemalige SPD-Stadträtin.

Offen damit umgehen

Eigentlich könne man als Lesbe in der Oberpfalz aber ganz gut leben, findet Koller. "Auf dem Land ist es zwar ein gewisses Problem, aber ich habe gemerkt, wenn man offen ist, gehen die Leute auch ganz cool damit um." Sie habe da auch Erfahrungen mit Menschen gemacht, von denen sie solche Toleranz vorher nie erwartet hätte.

Als 17-Jährige sei sie mal von einer Freundin hart angegangen worden, wie es sein könne, dass sie lesbisch sei. "Nach Jahren habe ich sie wieder getroffen. Sie lebt seit acht Jahren mit einer Frau zusammen. Ich hab sie gefragt: 'Und, was sagst du jetzt?', und sie meinte: 'Es tut mir leid.'"

Die Leute haben Angst. "Schwul" ist auf Schulhöfen wieder ein gängiges Schimpfwort.Tanja Koller, Mitarbeiterin in der Kolping Jugendhilfe und ehemalige SPD-Stadträtin

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