12.03.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Immer mehr Hebammen geben auf: Erst nach der 25. Geburt ist die Versicherung finanziert Geburtshilfe unter Mindestlohn

Nabburg/Tirschenreuth. "Wir waren sieben Hebammen in Tirschenreuth", sagt Elisabeth Reisnecker, "vier der jüngeren haben aufgehört, weil es sich nicht mehr rentiert." Der 63-jährigen Griesbacherin tut es in der Seele weh, das sagen zu müssen: "Ich liebe meinen Beruf, aber die Lust am Arbeiten wird einem vermiest."

Bild: dpa
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Deutschlandweit gibt es etwa 3500 freiberufliche Hebammen. Im Freistaat ist der Anteil freiberuflicher Geburtshelferinnen mit rund 80 Prozent besonders hoch - und sie fürchten um ihre Existenz: "Wir zahlen jetzt fast 5000 Euro im Jahr für die Haftpflichtversicherung, ab Mitte des Jahres wird der Tarif auf 5091 Euro angehoben", sagt Reisnecker, die selbst um die 100 Geburten im Jahr betreut: "Alle reden vom Mindestlohn, uns bleiben 7,50 Euro übrig."

Doch es kommt noch schlimmer: Die Nürnberger Versicherung, die letzte, die die Geburtshilfe noch versichert, hat angekündigt, 2015 ganz aus dem Geschäft auszusteigen: "Das würde bedeuten, dass ich gar nichts mehr machen könnte", bringt Petra Fleischmann von der Hebammenpraxis Nabburg (Landkreis Schwandorf) die Situation auf den Punkt. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so weit kommt - ob München rechts der Isar oder Hedwigsklinik in Regensburg mit über 2000 Geburten, alle großen arbeiten mit freiberuflichen Hebammen."

"Das kommt billiger"

Nicht nur die großen: "Wir haben einen Belegvertrag mit dem Krankenhaus Tirschenreuth", sagt Reisnecker, "das kommt billiger." Wollte die Kliniken Nordoberpfalz AG den notwendigen Schichtdienst selbst organisieren, müssten etwa sechs Hebammen fest angestellt werden. "So kostet es die Häuser gar nichts", schließlich werden die Geburten von den Krankenkassen finanziert.

Deshalb würde sich Reisnecker wünschen, von dem Haus Unterstützung zu erfahren, das von der Dienstleistung der Hebammen profitiert: "Leider übt die Leitung zusätzlichen Druck auf uns aus, 24 Stunden Rufbereitschaft zu leisten - natürlich unentgeltlich." Es sei überall das selbe Problem: "In Zwiesel zum Beispiel haben von fünf Hebammen auch kürzlich drei aufgehört."

Eine derjenigen, die in Tirschenreuth aus der Geburtshilfe ausscherten, ist Annett Arndt-Kwoka. "Ich verstehe schon auch die Lage der Klinik", sagt die 43-jährige Kirchendemenreutherin (Kreis Neustadt/Waldnaab). "Die Haftpflichtversicherung des Krankenhauses fordert, dass innerhalb von 20 Minuten eine Hebamme da sein muss." Im Winter hatte sie aber eine Anfahrt von 30 Minuten, ganz zu schweigen von weiter entfernten Hausbesuchen: "Das geht nur, wenn man im Krankenhaus schläft." Und das ehrenamtlich?
Fast 16 Jahre hat Arndt-Kwoka geholfen, Kinder zur Welt zu bringen. Es fehlt ihr: "Ich wollte schon als Zwölfjährige Hebamme werden." Aber der Teufelskreislauf drehte sich immer schneller: "Ich sah meine Kinder kaum mehr, hatte keinen freien Sonntag und arbeitete manchmal bis zu 16 Stunden am Stück wie eine Verrückte." 200 Euro blieben pro Geburt übrig, das bedeutet: Erst mit der 25. Geburt ist die Versicherung beglichen. "Jetzt mache ich nur noch Vor- und Nachsorge sowie Kurse und zahle 300 Euro Haftpflicht."

Zuschuss von Klinik und Staat

Hoffnung setzen alle drei Frauen auf ihre Hebammenverbände, die im Internet und auf der Straße mobil machen und auf die regionale Politik: "Wenn man nicht will, dass Hochschwangere im Winter 60 Kilometer zur nächsten Klinik fahren müssen, sollte man über ein solidarisches Modell nachdenken", meint Arndt-Kwoka: "Eine Geburtsstation ist doch auch ein Aushängeschild - und wenn sich Staat und Kliniken an der Versicherung beteiligen würden, könnte man auch kleinere Häuser erhalten."

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