11.10.2017 - 20:10 Uhr
Deutschland & Welt

Katastrophen-Probealarm Asteroid passiert knapp die Erde

Der Asteroid 2012 TC4 nähert sich der Erde. Gefährlich wird er nach Überzeugung von Experten nicht. Für die Wissenschaft bietet er jedoch die Möglichkeit zum Durchspielen der verschiedenen Schutzmechanismen. Denn der nächste Einschlag aus dem All kommt bestimmt.

Das Videostandbild einer Animation der Nasa zeigt den Asteroid 2012 TC4 (vorne), der an diesem Donnerstag in rund 44 000 Kilometern Entfernung an der Erde vorbeifliegt. Bild: NASA/JPL-Caltech
von Agentur DPAProfil

Darmstadt. Er ist so groß wie ein Haus und wird die Erde an diesem Donnerstagmorgen in rund 44 000 Kilometer Entfernung passieren. Zum Vergleich: Der Abstand Erde-Mond beträgt rund 400 000 Kilometer. Würde der Asteroid 2012 TC4 die Erde treffen, hätte das beträchtliche Folgen - so wie 2013 rund um die russische Millionenstadt Tscheljabinsk. Ein Asteroid ähnlicher Größe löste damals schwere Stoßwellen aus, etwa 1500 Menschen wurden verletzt, rund 7000 Gebäude beschädigt. Weil der nächste Einschlag nur eine Frage der Zeit ist, wollen Forscher aus dem Vorbeiflug von 2012 TC4 wichtige Erkenntnisse für die Zukunft ziehen.

Probealarm

Der Asteroid, dessen Durchmesser die US-Raumfahrtbehörde Nasa auf 12 bis 27 Meter schätzt, biete "eine exzellente Gelegenheit, die internationalen Fähigkeiten zur Erkennung und Verfolgung erdnaher Objekte zu testen und unsere Fähigkeiten zu überprüfen, wie wir gemeinsam auf eine reale Bedrohung reagieren können", schreibt die Europäische Raumfahrtagentur Esa.

Rüdiger Jehn leitet die Abteilung beim Europäischen Raumflugkontrollzentrum Esoc in Darmstadt, die sich mit der Erforschung "Erdnaher Objekte" (englische Abkürzung: NEOs) befasst. "Ein Fall wie in Tscheljabinsk kommt alle 40 bis 50 Jahre vor", sagt er. Ein Ereignis wie vor 108 Jahren, als ein 40 Meter großer Brocken aus dem All in Sibirien rund 2000 Quadratkilometer Wald vernichtete, gebe es nur alle 300 Jahre. "Je größer der Asteroid, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit. Der Einschlag, der zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat, ist 65 Millionen Jahre her."

Jahre Zeit für Maßnahmen

Nähert sich ein großer und potenziell gefährlicher Himmelskörper der Erde, hat man nach Einschätzung von Experten mit den aktuellen Kontrollmöglichkeiten in der Regel mehrere Jahre bis Jahrzehnte Vorlaufzeit, um Schutzmaßnahmen zu treffen.

"Die naheliegende Option wäre ein kinetischer Impakt", sagt Jehn. Das heißt, dass man den Asteroiden mit einem anderen Objekt kollidieren lässt, um ihn von seiner Bahn abzulenken. Er selbst forscht an einem sogenannten Gravity Tractor: Ein Raumschiff soll neben dem Asteroiden her fliegen und ihn über die gegenseitig ausgeübte Anziehungskraft von seinem Kurs abbringen. "Im Notfall wäre auch ein nuklearer Einschlag denkbar. Aber das müssen wir wohl den Amerikanern überlassen. In Europa gibt es keine Bereitschaft, das zu testen."

Aber auch von kleineren Asteroiden droht Gefahr, wie in Tscheljabinsk zu sehen war. Der frühere Apollo-Astronaut Rusty Schweickart hat sich auch den Kampf gegen solche Objekte zur Aufgabe gemacht. "Überall, wo wir Leben retten oder die Zerstörung von Dingen verhindern können, sollten wir das tun", sagte der 81-Jährige.

Jehn strebt ein Frühwarnsystem an, mit dem man gefährdete Menschen etwa eine Woche vorher warnen kann. "Wenn wir der Bevölkerung sagen können 'Bleibt dann in euren Kellern!', ist das wie eine Tornado-Warnung. Man kann das sehr genau vorhersagen." Schweickart verweist darauf, dass es nicht nur um Abwehr- und Evakuierungstechniken gehe, sondern auch um die politische Vorbereitung. "Im Fall der Fälle muss klar sein, wer was entscheidet, wer welche Raketen startet, wer welche Beträge von seinen Steuerzahlern bezahlen lässt. Das ist eine planetare Entscheidung. Wir müssen das alle zusammen machen."

Filme bringen Gelder

Im Moment sind die Budgets eher bescheiden. Bei der Esa stehen laut Jehn in den kommenden vier Jahren 26 Millionen Euro für die Asteroidenentdeckung und -abwehr zur Verfügung. Dabei konzentriere man sich vor allem auf die Entdeckung. Die Programme bei den Vereinten Nationen liefen "momentan auf Sparflamme". Allerdings erwartet Jehn, dass sich das im Falle einer konkreten Bedrohung ändert: "Wenn so ein Teil 20 Jahre vorher entdeckt würde, würde sicher plötzlich genügend Geld zur Verfügung stehen."

Filme über Asteroiden-Bedrohungen wie "Armageddon" oder "Deep Impact" kann Jehn sogar etwas Positives abgewinnen - auch wenn sie meist völlig übertrieben seien. "Die Filme wecken das Bewusstsein und haben uns bei der Finanzierung unheimlich geholfen. Nach solchen Filmen ist jedes Mal unser Budget hochgesetzt worden. Da sind wir jedes Mal dankbar, wenn so ein Film gedreht wird."

Asteroid 2012 TC4

Der Asteroid 2012 TC4 wurde im Jahr 2012 erstmals von einem Observatorium auf Hawaii gesichtet. Er hat laut Nasa einen Durchmesser von 12 bis 27 Metern. Er ist so lichtschwach, dass er danach fünf Jahre nicht zu sehen war. Erst im August dieses Jahres wurde er über ein Teleskop in Chile wiederentdeckt, das von einer Kooperation der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) und der Europäischen Südsternwarte (Eso) betrieben wird. Seit dem Wiederauftauchen konnten die Wissenschaftler die Bahn von 2012 TC4 relativ genau berechnen. Er wird demnach am 12. Oktober in einer Entfernung von 44 000 Kilometern an der Erde vorbeifliegen. Damit würde der kosmische Brocken laut Esa geostationäre Satelliten nur um 8000 Kilometer verfehlen. (dpa)

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