Klassisches Familienbild bröckelt
Geburtenrekord ohne Trauschein

Es ist längst kein Stigma mehr, wenn die Eltern eines Kindes nicht verheiratet sind. Bild: dpa

Das klassische Familienmodell bröckelt. Nichteheliche Kinder sind nicht mehr außergewöhnlich. Oft bestimmen finanzielle Gründe, ob ein Paar heiratet.

Wiesbaden/ München. Die Ehe ist bei der Geburt eines Kindes immer noch das Familienmodell Nummer Eins in Deutschland. Der Anteil der nichtehelich geborenen Babys war allerdings noch nie so hoch wie in den vergangenen zwei Jahren. Fast jedes dritte Neugeborene (35 Prozent) hatte Eltern, die nicht miteinander verheiratet waren. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor 25 Jahren, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Montag berichtet. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind allerdings enorm.

Bayern eher konservativ

Erst Heirat, dann Kinder: Paare in Bayern lieben es in dieser Hinsicht nach wie vor eher traditionell. Nur 27,5 Prozent aller Kinder im Freistaat wurden 2015 in Familien geboren, in denen die Eltern keinen Trauschein hatten. Am niedrigsten ist die Rate in Baden-Württemberg: Nur knapp jedes fünfte Neugeborene (24,7 Prozent) hatte dort unverheiratete Eltern. Ganz anders in den neuen Bundesländern, allen voran Sachsen-Anhalt: Hier lag der Anteil der außerehelichen Geburten bei 63 Prozent.

Allerdings zeigen die Zahlen auch, dass viele Paare erst das Elternsein testen, bevor sie den Bund fürs Leben schließen. Bei der Geburt des ersten Kindes 2015 waren in Bayern 36,4 Prozent der Eltern nicht verheiratet, bundesweit waren es 43,9 Prozent. Der Trend zur Familie ohne Trauschein hält also an. Innerhalb der vergangenen 25 Jahre hat sich dieser Anteil bundesweit mehr als verdoppelt. 1990 lag er noch bei 15 Prozent. Allerdings nahm das Tempo in den vergangenen Jahren ab.

In den neuen Ländern sind unverheiratete Eltern sogar in der Mehrheit. 61 Prozent der Babys wurden 2015 im Osten nicht-ehelich geboren - doppelt so viele wie in den alten Bundesländern (30 Prozent). Als Gründe nennt Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPI): Die Mütter im Osten sind jünger, Arbeitslosigkeit und Konfessionslosigkeit höher. "Die Unterschiede bei den nichtehelichen Geburten, die wir heute sehen, haben aber eine lange Geschichte und werden noch lange bestehen bleiben", geht aus einer Studie des Wissenschaftlers hervor.

Mit Blick auf Europa werde nicht das ostdeutsche Modell, sondern das westdeutsche zum Sonderfall. "Ein niedriger Anteil nicht-ehelicher Geburten wie in den alten Bundesländern wird im europäischen Vergleich immer mehr die Ausnahme", stellt Klüsener fest.

Unverheiratete Eltern würden nicht mehr stigmatisiert und hätten längst nicht mehr solche Nachteile bei der Wohnungssuche oder im Job wie noch vor einigen Jahrzehnten. Die Rechte nicht-ehelicher Kinder seien gestärkt worden, nennt Harald Rost, noch einen anderen Grund, weshalb sich Paare, die ein Kind erwarten, erstmal gegen die Ehe entscheiden. Allerdings hätten sowohl die Ehe als auch eigene bei jungen Leuten wieder einen hohen Stellenwert.
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