20.12.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar von Stefan Zaruba Der Fall Osthoff: Große Gesten und bittere Enttäuschung

von Stefan Zaruba Kontakt Profil
Kommentar

Der Ausgang des Geiseldramas um Susanne Osthoff könnte einem Hollywood-Drehbuch entstammen. Rechtzeitig zum frohen Fest dürfen die Familien der deutschen Archäologin und offenbar auch ihres Fahrers aufatmen. Süßer Weihnachtsfriede - allerdings mit einem bitteren Beigeschmack.

Susanne Osthoff ist keine Abenteuerin, keine Luxus-Touristin, keine Geschäftsfrau, die um des Geldes willen im Irak weilte. Sie ging ins Zweistromland, um zu helfen. Als gute Botschafterin für Deutschland. Doch die Solidarität mit Susanne Osthoff schälte sich hier zu Lande nur zögerlich heraus. Die Lichter der Mahnwachen flackerten im langsamen Takt des Adventskranzes auf: Erst eins, dann zwei ...

Warum taten sich die Deutschen so schwer mit ihrem Mitgefühl? Vielleicht weil Susanne Osthoff manchen Zeitgenossen etwas suspekt erscheint? Weil sie eine bürgerliche Existenz im beschaulichen Oberbayern zurückließ, zum Islam konvertierte und einen Araber heiratete? Es bleibt die bohrende Frage: Hängt das Mitgefühl mit einer vom Tode bedrohten Landsfrau davon ab, ob ihr Lebenswandel der deutschen Leitkultur entspricht?

Hut ab daher vor den Menschen, die ohne Scheu für die Entführte eintraten, wie ehemalige Bundespräsidenten, Ex-Kanzler Gerhard Schröder und einer Reihe Prominenter. Sie taten etwas, das in der heutigen Welt mit ihren Protokollen und Machtspielen selten geworden ist. Sie forderten nicht, sondern baten. Hut ab auch vor Nadeem Elyas, dem Sprecher des deutschen Muslimrats, der sich den Entführern im Austausch angeboten hatte. Er zeigte den größtmöglichen Einsatz, um Leben zu retten, und setzte zugleich ein klares Signal der Muslime gegen Terror.

Und die Anerkennung gilt der Arbeit der neuen Bundesregierung, die neben der Vermittlung beim EU-Finanzgipfel einen zweiten außenpolitischen Glanzpunkt setzte. Chefdiplomat Frank-Walter Steinmeier überzeugt nicht nur durch Professionalität in der Sache, sondern auch durch wohltuende Bescheidenheit in der Art, wie er den Coup verkauft. Hoffentlich erweist sich sein Haus nun nicht kleinlich, indem es Susanne Osthoff eine saftige Bearbeitungsgebühr aufbrummt.

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