30.12.2004 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar von Stefan Zaruba Der Krankenstand sinkt - bei denen, die noch Arbeit haben

von Stefan Zaruba Kontakt Profil
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Ein "frohes Fest" haben wir uns jüngst gewünscht. Und vor allem "Gesundheit". Über ein dickes Packerl durften sich da in diesem Jahr Betriebe, Verwaltungen und Krankenkassen freuen: So selten krank waren deutsche Arbeitnehmer seit 1970 nicht.

Man mag es den Beteiligten gönnen: Den Unternehmen und der öffentlichen Hand, die in Zeiten schwacher Konjunktur jeden Euro brauchen können. Den Krankenkassen, die unter dem Druck stehen, durch geringere Beiträge Firmen und Mitglieder zu entlasten. Und nicht zuletzt den offenbar so gesunden Mitarbeitern. Allein: Ein Blick auf die Ursachen des rückläufigen Krankenstandes vergällt die Stimmung. Zwar beschreibt der Kassenverband die arbeitende Bevölkerung als tatsächlich etwas gesünder - dank betrieblicher Vorbeugung. Und einstige Blaumacher lassen sich mit Angst um ihren Job auf keine Dummheiten mehr ein.

Den größten Beitrag zum Rekord-Tief beim Krankenstand bringt aber die Tatsache, dass Herz- und Rückenpatienten massenhaft aus den Betrieben ausgeschieden sind. Behörden und die freie Wirtschaft haben sich mit mehr oder weniger sanftem Druck chronisch kranker und älterer Mitarbeiter entledigt. Allein Post und Telekom bauten zehntausende Stellen ab, darunter viele über Vorruhestand, Altersteilzeit und Dienstunfähigkeit. Es sind nicht so sehr die Arbeitenden in Deutschland, die seltener krank sind. Vielmehr haben die Kranken immer seltener noch eine Arbeit. Das tut Unternehmen zumindest kurzfristig gut - die Kosten bleiben aber andernorts hängen, im schlimmsten Fall bei den Sozialämtern.

Auch die Wirtschaft kann sich nicht dauerhaft über diese Fluktuation freuen. Wegen der sich verändernden demographischen Struktur der Gesellschaft werden in wenigen Jahren Mitarbeiter "ab 45 aufwärts" die Mehrheit in den Belegschaften stellen. Ihnen allen zu kündigen, ist keine Lösung.

Betriebe werden verstärkt auf erfahrene Leute angewiesen sein - und auf deren Gesundheit. Diese zu erhalten muss am Arbeitsplatz einen immer breiteren Raum einnehmen: angefangen von rückenschonenden Bürostühlen über Nikotin- und Alkohol-Prävention bis hin zum Eingeständnis, dass Druck im Job psychische Leiden auslösen kann. In diesem Sinne: ein "gutes Neues" demnächst. Und vor allem ein "gesundes".

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