11.11.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar von Stefan Zaruba Deutschlands Patienten jammern auf hohem Niveau

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Kommentar

Ein Vormittag im Wartezimmer. Ältere Herrschaften tauschen sich über ihre Leiden aus. Kinder quengeln. Der Nachbar hustet in einem fort. Nach zwei Stunden sind die interessanten Zeitschriften gelesen. Das alles für zehn Euro Praxisgebühr. Die Wirklichkeit hat so gar nichts von der heilen "Landarzt"-Fernsehwelt. Doch offenbar erwarten deutsche Patienten TV-Romantik. Schwerlich anders lässt sich verstehen, warum Fachleute das Gesundheitswesen gut benoten, die Menschen aber unzufriedener sind als in anderen Industrieländern.

Die Wahrnehmung der Patienten verengt sich schnell auf unangenehme Einzelaspekte, etwa Zuzahlungen oder das Gefühl, nicht ausgiebig genug beraten worden zu sein. Doch in eine Gesamtbetrachtung der Situation in Deutschland gehört auch der Blick auf scheinbar selbstverständliche Leistungen. Deutschland hat ein effektives Rettungswesen. Binnen Minuten erreichen Notärzte jede Unfallstelle. Hubschrauber stehen für Transporte bereit. Fachkliniken für Orthopädie, Rehabilitation und Geriatrie überziehen das Land. Und, das gehört auch in eine Gesamtbetrachtung, die meisten Versicherten profitieren von der Segnung der Lohnfortzahlung, oft auch von Krankentagegeld.

Wer sich in der Oberpfalz ins Auto setzt, erreicht in weniger als zehn Stunden Regionen Europas, in denen krank zu werden in jeder Hinsicht ein echtes Risiko darstellt. Wo Operationen nur erfolgen, wenn Geld auf dem Tisch liegt. Wo gebrochene Beine am Wochenende nicht geröntgt werden. Wo die Oma in der Klinik so lange nackt im Bett liegt, bis die Verwandtschaft Wäsche bringt - und gleich noch die nötigen Medikamente.

Seien wir froh, dass wir noch auf hohem Niveau jammern können. Denn die Leistungen der Medizin in Deutschland kosten Unsummen. 30 Prozent der Krankenhäuser droht die Schließung. Obendrein bahnt sich ein Mangel bei Allgemeinärzten auf dem flachen Land an. Hat der eigene Doktor erst einmal zugesperrt, wird man sich mit Wehmut an die Stunden im Wartezimmer erinnern.

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