27.11.2004 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar von Stefan Zaruba Die Union kann sich keinen schwarzen Lafontaine leisten

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Kommentar

Die CSU lässt sich von Außenstehenden nicht dreinreden. Von "Preißn" schon gar nicht. Was sich aber am Donnerstagabend im Fernsehstudio von "Berlin Mitte" abspielte, sollte den Münchner Parteiregisseuren zu denken geben. Und den letzten Vertrauten um Angela Merkel dazu. Was war passiert? Zur besten Sendezeit erklärte Horst Seehofer der Gesundheitspolitik der Union den Guerillakrieg.

Der Bayer rief beim Hauptstadt-Publikum Beifallsstürme hervor. Wohl deshalb, weil er sich geschickt als ehrlicher Makler des kleinen Mannes verkaufte. Was in der Politmühle mit ihm passiert sei, betrachte er als Vergangenheit. Er trete nicht nach. Punkt. Umso authentischer klang damit seine folgende Ankündigung. Seehofer will als Einzelkämpfer weiter sein Gesundheitsmodell vertreten. Sein Verbündeter sei "die Ansicht der Bevölkerung". Beifallsstürme auf den Rängen.

Horst Seehofer gerät zum Volkstribun mit allem, was das Drehbuch dafür braucht: Charisma, Sendungsbewusstsein und Märtyrer-Bonus. Vor allem stehen seiner Rolle des Menschenfreundes die entsprechenden Charaktere gegenüber: Angela Merkel, deren Umfragewerte wieder sinken, und der Technokrat Edmund Stoiber - neuerlich mit dem Ruch des Partei-Gutsherren, der seinen Mohr wegtreten ließ.

Die Konstellation kennen wir doch: Oskar Lafontaine wetterte vorübergehend recht erfolgreich gegen die Basta-Kaltschnäuzigkeit eines Kanzlers Schröder und brachte nach seinem Abgang die Sozialdemokratie als einfaches Mitglied in Bedrängnis. Ein schwarzer Lafontaine hätte für die Union mindestens ebenso verheerende Auswirkungen. Anders als der Wein trinkende Prediger von der Saar kann Horst Seehofer von seiner Glaubwürdigkeit zehren. Und von der unter Experten verbreiteten Auffassung, dass der Unions-Kompromiss gewaltiger Bockmist ist.

Dass die Union mit Wolfgang Zöller so rasch ein neues Gesicht präsentiert, kann über die Spannungen überhaupt nicht hinwegtäuschen. Die Konfrontation kommt. Und sie wird höchst unerfreulich. Einen weiteren Zahnarzttermin Seehofers während eines Parteitags wird es nicht geben. Dafür bohrende Fragen und eine Wurzelbehandlung des Themas, das Edmund Stoiber gerne in Narkose gelegt sähe. Seehofer hat bei Maybrit Illner angekündigt, seinen Stellvertreter-Posten in der CSU zu verteidigen. Das Publikum applaudierte.

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