04.02.2006 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar von Stefan Zaruba Europa muss sich für keine Karikaturen entschuldigen

von Stefan Zaruba Kontakt Profil
Kommentar

Ein bisschen Eigenlob vorneweg: Mit Jürgen Tomicek (siehe oben) hat unsere Zeitung einen der besten Karikaturisten im deutschsprachigen Raum. Die gelungene Umsetzung von Satire zählt zu den schwierigsten Disziplinen für Zeichner. Genügend schlechte weil nicht witzige Karikaturen im Blätterwald belegen das täglich aufs Neue. Auch die schon im September in der dänischen "Jyllands Posten" abgedruckten Mohammed-Grafiken sind in ihrer Ausführung eher ein Armutszeugnis für die Redaktion.

Doch über solche Geschmacksfragen streitet der bewaffnete Mob nicht, der im Nahen Osten Jagd auf Europäer macht. Die Besetzung des Sitzes der EU im Gazastreifen ist ein Schlag ins Gesicht angesichts der Abermillionen Euro, die Brüssel in das sieche Palästina pumpt. Was ist da passiert? Warum laufen in islamisch geprägten Ländern Menschen Sturm gegen Europa als hätte es einen Bombenangriff auf heilige Stätten gegeben? Und das Monate nach Veröffentlichung der Karikaturen in einer Zeitung, die nun wirklich nicht das Zentralorgan westlicher Kultur ist.

Die zeitversetzte Explosion von Protesten, Gewalt und Boykott-Aktionen gegen dänische Produkte deutet darauf hin, dass sie von Medien und Meinungsmachern gesteuert war. Wie sonst sollten tausende Jemeniten gegen ein Land auf die Straße gehen, das sie kaum aus dem Stegreif auf einer Weltkarte lokalisieren könnten?

Doch derlei Mechanismen des Sich-Hochputschens sind kein Alleinstellungsmerkmal stark religiös geprägter Länder. Hat doch auch in den USA die Mischung von unterschwelligem Bedrohungsgefühl und gezielter Regierungspropaganda aufgeklärte Menschen glauben lassen, dass Saddam Hussein nur aufs Knöpfchen zu drücken brauche, um US-Städte auszulöschen.

Nachvollziehen kann man die Ereiferung von Ägypten bis Indonesien, billigen darf man die Gewaltausbrüche nicht. Schon gar nicht muss sich irgendeine europäische Regierung für die zahlreichen - oft auch unmotivierten - Nachdrucke der strittigen Darstellungen des Propheten in Zeitungen entschuldigen.

So schlecht Karikaturen sein mögen, in westlichen Gesellschaften ist ihre Veröffentlichung - so lange sie nicht gegen Gesetze verstößt - Teil der Meinungsfreiheit. Diese haben Generationen vor uns kirchlichen wie weltlichen Obrigkeiten in harten Kämpfen abgerungen. Ein Prozess, der vielen Ländern auf der Welt hoffentlich noch bevorsteht.

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