07.11.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar von Stefan Zaruba Krawalle von morgen lassen sich nur heute verhindern

von Stefan Zaruba Kontakt Profil
Kommentar

In der Wahl ihrer Mittel sind protestierende Franzosen im allgemeinen nicht zimperlich. Kein ordentlicher Fernfahrerstreik ohne Totalblockaden, kaum ein Bauernaufstand ohne Berge von Mist und immer wieder mal ein Arbeitskampf in der Industrie mit brennenden Barrikaden. Doch was unser Nachbarland derzeit erlebt, erinnert eher an Krisenregionen dieser Welt als an ein Land in Mitteleuropa, das klischeehaft geradezu für Herzlichkeit und Lebenslust steht.

Die Unruhen in Trabantenstädten nehmen ein derartiges Ausmaß, dass die USA erste Reisewarnungen für ihre Bürger in Europa ausgesprochen haben: die Weltstadt Paris auf einer Stufe mit Krachvierteln in Somalia und Kongo.

Wie konnte es so weit kommen? Politiker an der Seine werfen sich gegenseitig Versagen vor: unkontrollierte Einwanderung, städtebauliche Sündenfälle, misslungene Integration, ein versagendes Bildungssystem, Sparkurs bei der Polizei. Wie so oft, liegt es eher an all diesen Ursachen als an einer einzelnen. Doch unterscheidet sich die politische Klasse in vielen Ländern kaum voneinander: Statt den Mut zu umfassenden Lösungen aufzubringen, erschöpfen sich Volksvertreter in Gezänk oder feiern sich für bald verpuffende Einzelmaßnahmen.

Deutsche Politiker warnen, auch in Zuwanderer-Vierteln der Großstädte hierzulande seien in zehn bis 15 Jahren solche Eruptionen der Gewalt möglich. Dann nämlich, wenn sich Abgrenzung und Perspektivlosigkeit weiter verstärken. So düster diese Befürchtung ist, das Szenario ist nicht unabwendbar. Die Steinewerfer und Feuerteufel in Frankreich sind im jugendlichen Alter. Zukünftige Randalierer in Deutschland, die etwa Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky anspricht, kommen also eben erst zur Welt.

Wer in Deutschland nicht nur populistisch die Alarmglocken läuten lässt, sondern sich ernsthaft des Problems annimmt, muss sofort damit beginnen. Und zwar ohne jegliche ideologische Vorbehalte. Das deutsche Zuwanderungsrecht muss womöglich ebenso auf den Prüfstand wie das Bildungssystem. Pisa hat erst wieder gezeigt, dass sich gerade Kinder von Migranten in der Schule besonders schwer tun.

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