24.03.2012 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kommentar von Stefan Zaruba Mit Mut gegen Ängste: Gauck baut Brücken für "unser Land"

"Kommt mir irgendwie bekannt vor ..." Karikatur: Tomicek
von Stefan Zaruba Kontakt Profil
Kommentar

Stehender Applaus im Plenum, auch von den Rängen der Linkspartei, die diesen Bundespräsidenten im Vorfeld nicht unterstützt hatte. Joachim Gauck hat sich die Anerkennung verdient. Seine Grundsatzrede am Freitag war mit Spannung erwartet worden. Was würde er sagen und wie? Er, der Prediger, der Stasi-Aufarbeiter mit dem Lebensthema Freiheit. Integrität und Klasse hatte dem 72-Jährigen vor seiner Wahl niemand abgesprochen. Wenn es überhaupt Kritik gegeben hatte, dann an dieser angeblichen thematischen Verengung und daran, dass er sich nicht oder ungeeignet zur sozialen Gerechtigkeit positioniert habe.

Joachim Gauck hat das nun widerlegt. Mehr noch: Er baut Brücken. Ja, Freiheit ist sein Lebensthema, aber ohne Gerechtigkeit ist sie für ihn nicht denkbar - und auch umgekehrt nicht. Der erste Mann im Staat wünscht sich einen Staat, in dem die Menschen Mut fassen und Ängste überwinden. Füreinander und für kommende Generationen, die zu Deutschland "unser Land" sagen und es auch als solches empfinden sollen.
Gaucks Rede klang stilistisch nur stellenweise nach Predigt. Inhaltlich hob der Theologe nicht ab, sondern blieb erfreulich konkret. Der Geschichte verpflichtet, aber nicht in ihr verhaftet. Zukunftsgewandt und zugleich tagesaktuell. Joachim Gauck betrachtet die Gesellschaft nicht aus einem durch eine Ost-Biografie verengten Blickwinkel. Er erkennt auch die Brüche in der West-Geschichte und würdigt dabei die Rolle der 68er-Generation. Damit kann man auch heute noch anecken, und es wäre kein Wunder, wenn sich da noch eine Diskussion anschließt.

Joachim Gauck hat seine Amtszeit mit einer bemerkenswerten Rede begonnen. Sein Werben für Freiheit und Gerechtigkeit, seine Kampfansage an Fanatiker, sein Aufruf zu Toleranz ohne "falsch verstandene Korrektheit" und sein Appell an Wähler wie Gewählte für eine bessere politische Kultur werden hoffentlich im In- und Ausland gehört. Und sein Bekenntnis zu seiner Heimat teilen hoffentlich alle Menschen hierzulande, denn schöner hat es kaum jemand formuliert: "Wir stehen zu diesem Land, nicht weil es so vollkommen ist, sondern weil wir nie zuvor ein besseres gesehen haben."

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