09.04.2018 - 21:04 Uhr
Deutschland & Welt

Konservierte Leichen der Universität Halle werden nach Jahrzehnten beerdigt Letzte Ruhe für vergessene Kinder

Halle. Für die Medizinische Fakultät der Universität Halle geht ein Kapitel bundesweit wohl einmaliger Geschichte zu Ende: Die sterblichen Überreste von 74 Kindern werden an diesem Donnerstag auf der Ehrengrabstätte der medizinischen Fakultät zur letzten Ruhe gebettet. Seit Jahrzehnten lagerten die konservierten Leichen in einem Keller des Instituts für Anatomie und Zellbiologie. Dem Vergessen preisgegeben.

74 konservierte Leichen von Kindern, vom Fötus bis zu einem 14-jährigen Jungen, lagerten seit Jahrzehnten in der Uniklinik Halle. Bild: Hendrik Schmidt/dpa
von Agentur DPAProfil

Die Kinder, einige noch Föten, das älteste ein 14-jähriger Junge, kamen von 1920 bis 1940 ganz offiziell in die Anatomie. "Insgesamt wurden in dieser Zeit 3000 Kinder hier abgegeben", sagt Institutsdirektorin Heike Kielstein. Sie wurden in der Regel eingeäschert. "Warum diese 74 übrig geblieben sind - wir wissen es nicht", sagt die Anatomie-Professorin. Hüter der vergessenen Kinder war der Präparator des Instituts, Hans-Joachim Heine, der seit 30 Jahren im Hause arbeitet. Er fand die Kinder, säuberte sie, konservierte sie neu und gab auf sie acht. "Ich war nicht in der Position, um zu entscheiden", sagt er.

Begleitet wurde der Prozess der Aufarbeitung von Florian Steger. "Mein Anliegen war, dass diese Kinder ordentlich beerdigt gehören", sagt der Medizinhistoriker, der dafür sorgte, dass die Kinder zum Gegenstand einer Doktorarbeit wurden. Gut vier Jahre arbeitete das Team. Dennoch gelang es nicht, die Namen der Toten herauszufinden. "Wir wissen nichts über diese Kinder", sagt Kielstein. "Was mich ärgert, ist, dass die Kinder hier seit fast 80 Jahren gelegen haben und niemand etwas gemacht hat. Vielleicht hätte man vor 20 Jahren sogar noch Angehörige gefunden, so haben wir Zeitzeugen verloren." 30 Leichen wurden im Computertomografen untersucht.

"Fest steht, wir fanden keine Hinweise, dass eines der Kinder gewaltsam zu Tode kam, und wir haben gelernt, woran sie gestorben sind", sagt Kielstein: Lungenentzündungen oder Infektionskrankheiten etwa. Die Kinder - aus ärmeren Schichten - wurden nun in fünf Särgen eingeäschert. "Die Leichenhemdchen hat das Beerdigungsinstitut gespendet", erzählt die Anatomin, "eine Gärtnerei den Blumenschmuck, die Friedhofsleitung einen Grabstein. Für die Beerdigung fand sich ein Chor aus Instituts-Mitarbeitern zusammen.

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