08.05.2017 - 20:38 Uhr
Deutschland & Welt

Liebe statt Hass Die re:publica widmet sich dem Kampf gegen Hass und Lügen im Netz

Mit Liebe und Zivilcourage den Lügen und dem Hass im Internet etwas entgegensetzen - dieses Signal soll von der re:publica 2017 in Berlin ausgehen. Die digitale Zivilgesellschaft will sich Trump und Trollen nicht geschlagen geben. Das Motto des Events lautet daher: "Love out Loud".

von tow Kontakt Profil

Berlin. Mehr als 8000 Besucher, mehr als 1100 Sprecher: Die re:publica ist die wichtigste Internet-Konferenz in Deutschland. Was 2007 als Klassentreffern von Bloggern begann, bringt mittlerweile Aktivisten und Geschäftsleute, Künstler und Programmierer im ehemaligen Postbahnhof "Station" in Berlin zusammen. Heuer ist hier alles bunt. Überall sind lila Herzen aus Holz. Über allem thront das Wort "love". Die re:publica, ein Hort von naiven Weltverbesserern, die händchenhaltend über digitale Blumenwiesen laufen wollen?

Tatsächlich gab es einst den Traum, die globale Vernetzung der Menschen werde Demokratie, Meinungsfreiheit und Wohlstand bringen. Der Arabische Frühling schien diese Hoffnung zu bestätigen. Dann kam ein US-Präsidentschaftskandidat, der über das Internet Lügen so lange wiederholte, bis sie genügend Wähler glaubten. Interessensgruppen in Deutschland betreiben das gleiche Spiel: Sie füllen Filterblasen mit "Fake News" - also Lügen. Dann sind da noch Geheimdienste, die Politiker hacken und sensible Informationen bevorzugt unmittelbar vor Wahlen veröffentlichen, so wie vergangene Woche in Frankreich. Die Feststimmung in der Netzgemeinde ist also vorbei.

Etwas tun gegen den Hass

Dem Vorwurf, man wolle sich daher auf digitale Blumenwiesen wegdenken, tritt Tanja Häusler vom Spreeblick-Verlag allerdings vehement entgegen. Sie ist eine der Hauptorganisatorinnen der re:publica. "Wir müssen etwas tun gegen die Welle des Hasses im Netz", ruft sie beim Eröffnungsvortrag ins Publikum. "Wir wollen die virtuelle Welt nicht den Arschlöchern überlassen. Deswegen: Love out Loud!"

Allerdings hat sich das re:publica-Team nicht nur den Kampf gegen Hass und Lügen im Netz auf die Fahnen geschrieben, sondern allgemein den Kampf für Meinungs- und Pressefreiheit. Can Dündar ist einer der ersten Redner. Leise und eindringlich erzählt der türkische Journalist seine Geschichte, ausgehend von einem Zeitungsartikel, für den er wegen des Verdachts der Spionage und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen worden war. Als er auf ein Urteil wartete, wurde ein Attentat auf ihn verübt. Er überlebte und konnte ausreisen. Sollte er in die Türkei zurückkehren, erwartet ihn eine mehrjährige Gefängnisstrafe. "Für einen Artikel, der korrekt war." Pressefreiheit sei in Deutschland noch die Regel, sagt Dündar. "Für uns in der Türkei ist sie eine Utopie, für die wir kämpfen."

Ähnliche Erfahrungen hat der ungarische Journalist Márton Gergely gemacht. Seine Zeitung "Népszabadság" war nach regierungskritischer Berichterstattung von einer Ministerpräsident Viktor Orbán Nahe stehenden Firma übernommen und über Nacht eingestellt worden. Der Aktivist Ramy Raoof aus Ägypten berichtet, wie er und seine Mitstreiter von staatlichen Stellen überwacht und drangsaliert werden konnten - mit Hilfe von Überwachungstechnologie aus Westeuropa.

Wem bei der re:publica nach so viel harten Fakten nach Entspannung zumute ist, der kann sich über die Ausstellungsfläche in der zentralen Halle treiben lassen. Hier wird deutlich, wie groß die re:publica geworden ist. Denn der Charme des Unvollkommenen - er ist nur noch Fassade. Haben früher Aktivisten selbst Paletten zu improvisierten Möbeln zusammengenagelt, erledigten das heute Möbeldesigner. Google hat einen großen Stand. Ein paar Meter weiter hat Mercedes-Benz ein 360-Grad-Kino aufgebaut. Das ZDF präsentiert seine Mediathek. Microsoft ist auch da. Und der Online-Sexshop "Amorelie" stellt einige seiner Produkte aus. Vermutlich, weil das auch irgendwie zum Motto der Veranstaltung passt. Idealisten gibt es aber auch noch ein paar, zum Beispiel die Blogger von netzpolitik.org. Gegen sie war einst wegen Verdacht des Landesverrats ermittelt worden.

Die Maus ist der Star

Selfie-Magnet ist auf der re:publica 2017 übrigens nicht Sascha Lobo, Deutschlands Internet-Erklärbär mit dem roten Irokesen-Schnitt, sondern die Maus. Der mannsgroße Star der legendären Kinder-Sendung "Die Sendung mit der Maus" muss allein am ersten re:publica-Tag zig Tausend Fotos mit sich machen lassen. Die Besucher stehen Schlange.

Noch bis Mittwoch geht es bei der re:publica in Hunderten Vorträgen um den Kampf gegen "Fake News" und Propaganda, den Umgang mit Trollen und Shitstorms. "Es muss darum gehen, wie wir uns unsere Werte erhalten", sagt Berlins Bürgermeister Michael Müller schon zu Beginn der Veranstaltung. Viele hätten diese Werte für selbstverständlich gehalten - man müsse jetzt aber erkennen, dass man für sie immer wieder kämpfen und sich engagieren muss.

Zivilcourage auch im Netz - Kommentar von Thomas Webel

Verfolgt man Debatten in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder auf Twitter, kann es einem mitunter vergehen. Der Ton ist rau, oftmals beleidigend. Wenn es um eines meist nicht geht, ist es die Sache. Besonders angreifbar machen sich augenscheinlich Diskutanten, die eine Angriffsfläche bieten, weil sie irgendwie anders sind. Um "anders" zu sein reicht es dabei schon, kein weißer Mann zu sein. Frauen oder gar Menschen, die eine andere Religion praktizieren, haben nach Ansicht einiger Zeitgenossen, die vorgeben, westliche Werte zu verteidigen, den Mund zu halten.

Doch man kann etwas dagegen tun: digitale Zivilcourage zeigen. Denn es ist wie überall: Die, die Schreien, sind nicht die Mehrheit. Sie sind nur lauter. Wenn man ihnen ruhig Kontra gibt, kann es sein, dass sich mehr normale Diskutanten einmischen. Zudem ist es für den Attackierten ein Signal, dass er nicht allein ist. Digitale Zivilcourage ist ein Weg, um die Debatten in den Sozialen Netzen erträglicher zu machen - und am Endes des Tages vielleicht sogar sachlicher.___E-Mail an den Autor: thomas.webel[at]oberpfalzmedien[dot]de

Es muss darum gehen, wie wir uns unsere Werte - vor allem auch Presse- und Meinungsfreiheit - erhalten.Michael Müller, regierender Bürgermeister von Berlin
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