03.04.2018 - 21:40 Uhr
Deutschland & Welt

Macht als "stiller Komplize" Was bleibt von "MeToo"?

Vor sechs Monaten schrieben zwei Journalistinnen für die "New York Times" einen Artikel über Medienmogul Harvey Weinstein - der Beginn eines Skandals und einer weltweiten Debatte über Missbrauch und Sexismus. Wo steht Deutschland heute?

von Agentur DPAProfil

Berlin. Manchmal sind es Bilder aus dem Fernsehen, die hochkommen. Katarina Barley hat eine Szene aus der US-Serie "Hart aber herzlich" mit Robert Wagner und Stefanie Powers im Kopf, die sie als Teenagerin gesehen hat. Die Frau fragt den Mann darin, was er an ihr am meisten liebe: "Dass du noch nie Nein gesagt hast." Es ist Jahrzehnte her, aber die Szene hat sich bei Barley (49) eingebrannt.

Auf der Berlinale macht die heutige SPD-Justizministerin deutlich: Die Gesellschaft sollte über Rollenbilder nachdenken. Und genau das ist in Deutschland passiert, seit vor einem halben Jahr die MeToo-Debatte über Macht, Mobbing und sexuellen Missbrauch aufkam. In der Filmbranche hat sich einiges bewegt. Bündnisse wie Pro Quote Film bekommen viel Aufmerksamkeit, die Unterstützerinnen von Quoten werden seltener belächelt. Es soll für die Filmbranche eine Anlaufstelle für Betroffene geben, die mit Geld von Kulturstaatsministerin Monika Grütters angeschoben wird. "Macht und Missbrauch waren viel zu lange stille Komplizen", sagt Grütters.

Das einzige mediale Erdbeben in Deutschland gab es nach den "Zeit"-Berichten mit schweren Vorwürfen gegen Dieter Wedel. Er bestreitet sie im Kern. Wedel verlor seinen Job als Leiter der Bad Hersfelder Festspiele. In der Branche war sein Verhalten als Regiemacho lange ein Tuschelthema, viele haben davon gewusst. Im Zuge von MeToo wurde er zur Rechenschaft gezogen. Manche sagen: An den Pranger gestellt. Die Justiz ermittelt, Ergebnis offen.

Da ist was im Gange - doch nicht alle sind begeistert. Manche sehen das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in Gefahr - fürchten, dass beide Geschlechter nicht mehr locker miteinander umgehen können. Einigen stößt auf, dass mutmaßliche Opfer sexueller Gewalt sich erst Jahre später zu Wort melden. Das Wort "Hexenjagd" fällt. Schließlich könne nach so langer Zeit meist niemand mehr beweisen, was war - und was nicht. Aussage gegen Aussage. Es gilt die Unschuldsvermutung. Eine falsche Verdächtigung kann Existenzen zerstören. Keine Frage, auch für Medien ist das Thema kein einfaches. Wann genießt das Persönlichkeitsrecht eines mutmaßlichen Täters größeren Schutz als Interesse an umfassender Berichterstattung? Eine Gratwanderung. Und die Frauen, die nun "Ich auch" sagen - sie müssen sich auch Fragen gefallen lassen: "Warum seid ihr damals nicht zur Polizei gegangen?" oder "Wieso habt ihr geschwiegen?"

Der Schauspieler Til Schweiger erinnert bei "Markus Lanz" an die "wahnsinnige Macht", die Wedel gehabt habe. Ein "Fernsehgott" sei er gewesen. "Wo soll diese Frau, die sowieso schon traumatisiert ist durch das, was man ihr angetan hat, wo soll sie den Mut hernehmen und gegen diesen Übermenschen auszusagen oder vorzugehen?", verteidigt er eine der Schauspielerinnen, die heute Vorwürfe erhebt. Eine EU-weite Studie aus dem Jahr 2014 kommt zu dem Ergebnis, dass nur ein Bruchteil der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, überhaupt zur Polizei geht oder Hilfe sucht. Ein Grund dafür ist Scham. Andere Opfer glauben, selbst damit fertig zu werden.

Wie wird man in 10 oder 20 Jahren auf diese Zeit zurückblicken? Als Deutschland darüber diskutierte, ob das denn wirklich alles sein müsse: die weibliche Anrede auf dem Sparkassen-Formular. Das dritte Geschlecht. Die Ehe für Alle. Das Gendersternchen. Ob sich noch jemand an das missglückte Kompliment erinnern wird, von dem sich eine Staatssekretärin angegriffen fühlte? Oder an das angeblich frauenfeindliche Gedicht von Eugen Gomringer an einer Hochschul-Fassade? Vieles wurde in einen Topf geworden. Was davon bleiben wird, könnte einmal Stoff für Doktorarbeiten werden.

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