Mainzer Studie erkennt ein Abebben der Lügenpresse-Hysterie
Beim Medienwissen hapert es

Momentaufnahme von einer Demonstration in Rostock gegen die deutsche Asylpolitik. Auf einem der hochgehaltenen Schilder steht "Lügenpresse". Die Thesen, dass die Medien die Bevölkerung systematisch belügen und im Zusammenspiel mit der Politik die Menschen manipulieren, finden inzwischen wieder weniger Anhänger. Das geht aus einer Studie der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz hervor. Archivbild: Bernd Wüstneck/dpa
 

Mainz/Amberg/Weiden. Die Medien belügen die Bürger systematisch? Politik und Presse manipulieren die Menschen? Solche Thesen hatten zuletzt größeren Zuspruch. Eine Studie aus Mainz zeigt: Nun finden sie wieder weniger Anhänger. "Im Prinzip sind das gute Neuigkeiten", kommentierte Kai Gohlke, stellvertretender Chefredakteur von Oberpfalz-Medien, auf Facebook. Im Detail zeigten sich aber "erschreckende Lücken" im Medienwissen: So glaubten elf Prozent der Studienteilnehmer tatsächlich, Journalisten müssten jeden Beitrag, den sie veröffentlichen wollen, vorher von Behörden prüfen lassen.

"Journalisten dürfen berichten, was sie wollen, es gibt keine gesetzlichen Schranken": Diese falsche Aussage hielten 38 Prozent der Befragten für wahr. "Der Staat prüft in Deutschland, ob jemand Journalist werden kann": Ja, so ist es, meinten elf Prozent. Ist aber nicht richtig. "Journalisten sind gesetzlich dazu verpflichtet, den Wahrheitsgehalt ihrer Beiträge zu prüfen": Stimmt, lautet die korrekte Antwort, 60 Prozent der Befragten wussten das, 28 Prozent nicht.

Dass die Lügenpresse-Hysterie der Studie zufolge abebbt, liege unter anderem an der Debatte über die Arbeitsweise von Journalisten, sagte Nikolaus Jackob, Mitglied einer Forschergruppe der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, die das Medienvertrauen langfristig untersucht. "Durch die Diskussion haben Journalisten immer häufiger angeboten, ihre Arbeit zu erklären", sagte Jackob. "Dieser Moment des Hosen-Runterlassens war gar nicht schlecht. Wir sehen einen echten Debatteneffekt." Die Forscher fragten die Studienteilnehmer zum Beispiel, wie sehr Medien bei der Berichterstattung über "wirklich wichtige Dinge" wie Umweltprobleme, Gesundheitsgefahren und politische Skandale vertraut werde. Im Jahr 2015 sagten 19 Prozent "eher nicht" oder "überhaupt nicht", 2016 waren es sogar 22 Prozent. Dagegen antworten 2017 nur 17 Prozent so. In den vergangenen beiden Jahren wuchs außerdem die Zahl der Menschen, die sagten, man könne den Medien "eher" oder "voll und ganz" vertrauen, von 28 Prozent auf 42 Prozent.

Dabei differenzieren die Befragten laut der Studie deutlich, welchem Medium sie wie stark vertrauen. Etwa zwei Drittel erklärten, sie hielten das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Tageszeitungen für "sehr vertrauenswürdig" oder für "eher vertrauenswürdig".

"Einen regelrechten Vertrauenssturz hat dagegen das Internet erlebt", berichteten die Forscher. Nur noch zehn Prozent hielten Internet-Angebote im Allgemeinen zuletzt für glaubwürdig. In gezielten Falschmeldungen und Hasskommentaren sieht eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland laut Studie eine Gefahr für die Gesellschaft. "Sie erwarten von der Politik gesetzgeberisches Handeln, um beide Phänomene einzudämmen", schreiben die Forscher. Die anhaltende Debatte über gefälschten Nachrichten und Hasskommentare sei ein Grund für den Rückgang des Vertrauens in das Internet und einzelne Online-Angebote. Die Forscher sehen allerdings ein Problem in den ihrer Ansicht nach mangelnden Kenntnissen über Medien in der Gesellschaft. "Man muss in den Schulen darüber reden, wie Informationen zustande kommen", forderte Jackob deshalb.
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