26.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Museum der gestohlenen Exponate: Das Diözesanmuseum in Pilsen sammelt sakrales Diebesgut Der Architekt Gottes

Der Pilsener Architekt ist eine große Nummer in der Tschechischen Republik: Klöster, Kirchen, Gotteshäuser - kaum ein sakrales Gebäude im Nachbarland, das seine Instandsetzung nicht Jan Soukup verdankt. Zuletzt bekam der Bruder des Pilsener Erzdekans Emil Soukup den Auftrag, alle renovierungsbedürftigen Synagogen des Landes zu sanieren.

Der bekannte Architekt Jan Soukup ist Initiator des Diözesanmuseums in Pilsen. Er führt durch die Sammlung, die zur Hälfte aus den Schätzen der Kathedrale und zur Hälfte aus gestohlener Sakralkunst tschechischer Kirchen besteht.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Es ist das architektonische Lebensthema des Vaters von vier Söhnen: 2004 kuratierte Soukup die Ausstellung "Vernichtete Kirchen", er veröffentlichte Bücher und Bildbände der baulichen Opfer des Stalinismus. Über 60 Kirchen wurden unter realsozialistischer Herrschaft in der Tschechoslowakei allein in der Diözese Pilsen vernichtet. Er unterstützt Projekte wie das "Mahnmal für die Opfer des Bösen", ein Meditationsgarten, ein "Ort der Hoffnung, Wahrheit, Vergebung und Versöhnung", wo der ehemalige politische Häftling Lubos Hruska aus Pilsen seine Gartenarchitektur verwirklichte und Bildhauer Roman Podrazky ein Denkmal in Form eines Kreuzweges schuf. Eines seiner Hauptwerke: die Restaurierung des ehemaligen Franziskanerklosters und heutigen Diözesanmuseums. "In den 1950er Jahre wurden die Mönche rausgeworfen", erzählt der weißhaarige Mann, "erst wurde das Gebäude zum Jugendheim umfunktioniert, 1956 zum Westböhmischen Museum."

"Riesige Hütte"

1991 wurde die Immobilie an die Franziskaner zurückgegeben: "Die sind erschrocken, so eine riesige Hütte zu bekommen - das war ja eher eine Beschwernis für den Orden." Die frommen Männer schenkten ihren Besitz 1993 der Pilsner Diözese: "Dafür hat die Diözese den Franziskanern einen ehemaligen Kindergarten gekauft", sagt Soukup. Seit 1994 setzte er sich dafür ein, hier in Zusammenarbeit mit dem Westböhmischen Museum ein Diözesanmuseum unterzubringen. Ab 1995 wurde das Kloster umgebaut, von 1996 bis 2012 mit Hilfe europäischer Gelder saniert.

"Die Hälfte der Exponate stammt aus dem Fundus des Westböhmischen Museums", erzählt der Initiator, "die andere Hälfte besteht aus gestohlenen sakralen Gegenstände aus Kirchen." Die Zeit nach der Wende, vor allem unter der Regierung Klaus, war auch die Ära des Raubtierkapitalismus. Die Leute kamen unter die Räder oder versuchten sich über Wasser zu halten. Nicht immer mit legalen Mitteln: "Zwischen 1989 und 2001 wurden aus tschechischen Kirchen 111 000 Kunstwerke gestohlen", sagt Soukup. Der Grund, warum man meistens vor verschlossenen Kirchentüren steht.

Das Konzept des Museums: "Wir wollen hier nicht in erster Linie Ausstellungen zeigen", erklärt der katholische Aufklärer, "die Gesellschaft in Böhmen hat keine Ahnung von kirchlichen Gegenständen." Vielmehr versuche es zu erklären, was die Gegenstände bedeuteten, welches christliche Gedankengut sie transportierten. Soukup führt durch die Ausstellung über Faksimile, erläutert das Refektorium, den Speisesaal des Klosters.

Der umgebaute Blasius

"Die Besucherzahlen halten sich bisher in Grenzen", bedauert er das Desinteresse seiner Landsleute an Religion. "Wir haben seit zwei Jahren offen und hatten bisher rund 16 000 Besucher." Die meisten davon durch organisierte Schulausflüge. Nachdenklich betrachtet er den "Hl. Wolfgang" im Kreuzgang: "Das war ursprünglich ein Blasius", sagt er, "der wurde 1993 gestohlen und zu einem Wolfgang umgebaut." In Zusammenarbeit mit der bayerischen Polizei konnte man in mühsamer Detektivarbeit - ein Abgleich von Fotos gestohlener Werke - das Diebesgut identifizieren. "Er hat seine Geschichte und darf Wolfgang bleiben."

An der eher kargen Fassade erkenne man die Handschrift der armen Bettelbrüder: "Das war kein Paradeputz." Es gibt aber auch prächtige Ausstellungsstücke: der Altar mit den tschechischen Schutzpatronen und 14 Nothelfern, die 1994 abgetragenen Fresken aus dem Dominikanerkloster oder die Exponate in den Vitrinen: ein gotischer Kelch, eine silberne Monstranz mit Futteral von 1503, aber auch kuriose Fundstücke wie der Koffer eines Feldkuraten aus dem 1. Weltkrieg. "Was sie im Dom nicht gebraucht haben, haben sie dem Museum zur Verfügung gestellt", schmunzelt Soukup.

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