07.06.2017 - 21:30 Uhr
Deutschland & Welt

Pilgern im Trend In Kontakt mit sich selbst

Rund 8000 Menschen pilgerten vergangene Woche ins niederbayerische Altötting. Pilgern liegt auf der ganzen Welt im Trend. Egal ob Jakobsweg oder "Pilgerweg der Toleranz", auf der ganzen Welt gibt es Routen, die zur inneren Einkehr einladen.

Menschen suchen beim Pilgern neue Begegnungen mit Gott, innere Einkehr oder eine körperliche Herausforderung. Jedes Jahr machen sich auch zahlreiche Gläubige von Regensburg auf den Weg nach Altötting. Die Strecke von 111 Kilometern ist die größte Fußwallfahrt in Deutschland. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Jochen Purps ist ein gläubiger und naturverbundener Mann. Da liegt es nahe, dass der 53-Jährige aus dem brandenburgischen Bad Wilsnack gern pilgert - zumal die Wunderblutkirche in seinem Heimatort selbst ein Wallfahrtsort war. "Ich merke dann, dass ich zwei Füße habe und auf sie vertrauen kann", schildert der Förster seine Motivation. "Es ist erfüllend, Wege zu gehen, die weit und unbekannt sind. Ich kann dort mit Gott sprechen."

Purps steht für Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Menschen in Deutschland, die sich jedes Jahr auf die Pilgerwege begeben. Spätestens seit Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg", in dem er seine Tour auf dem Jakobsweg beschrieb, ist Pilgern im Trend.

Körperliche Erfahrungen

Während Gläubige einst pilgerten, um Heilige und deren Reliquien anzubeten oder Buße zu tun, entdecken heute immer mehr Menschen ohne christlichen Hintergrund diese Möglichkeit, spezielle körperliche und spirituelle Erfahrungen zu machen. Viele tun das auf dem Jakobsweg, einem ganzen Netz von Pilgerrouten quer durch Europa nach Santiago de Compostela in Spanien. Auf dem berühmten Weg, der selbst Pilger aus Amerika und Asien anzieht, kann es schon mal voll werden. "Im Vorjahr wurden in Spanien 300 000 Pilger auf diesem Weg gezählt", berichtet Jürgen Rist, der sich bei der Evangelischen Landeskirche in Württemberg um das Thema Pilgern kümmert. "Etwa ein Drittel davon waren aus Deutschland."

Doch so weit muss man gar nicht reisen. "Allein in Deutschland umfasst das Netz des Jakobsweges schätzungsweise 10 000 Kilometer", sagt Hans-Jörg Bahmüller aus Winnenden bei Stuttgart. Er betreut ehrenamtlich einen Abschnitt des Pilgerweges zwischen Rothenburg ob der Tauber und Rottenburg am Neckar. "30 Hauptwege sind darunter, aber auch viele Verzweigungen." Die gibt es auch im mitteldeutschen Raum: Rund um den Jakobsweg in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben sich diverse Initiativen zusammengetan, um für Pilger attraktive Routen anzubieten und für die nötige Infrastruktur zu sorgen. Wie wäre es mit dem Ökumenischen Radegundeweg, dem Weg "Auf den Spuren starker Frauen" oder dem "Pilgerweg der Toleranz"? Selbstredend darf im Jubiläumsjahr "500 Jahre Reformation" ein Lutherweg nicht fehlen, der auf 2000 Kilometern Orte verbindet, an denen Martin Luther wirkte oder sich einmal aufhielt.

Einfache Quartiere

"Die Pilger können in einfachen Herbergen oder Klöstern, bei Privatleuten oder Pfarrhäusern übernachten", schildert Kirsten von der Heiden vom Kirchenvorstand im sächsischen Pesterwitz das Pilgerprinzip. Die Quartiere sind einfach und oft kostenlos oder recht billig, bei Vorlage des Pilgerausweises bietet manches Restaurant ein Essen zum Sonderpreis. Und warum Pilgern? "Ich finde innere Einkehr, kann abschalten vom Alltag, Natur fühlen und erleben", sagt Jann Stickfort aus der Lüneburger Heide. Er organisiert mit Gleichgesinnten Radpilgertouren. Geistliche Impulse bei Andachten, das Gemeinschaftserlebnis oder die Gespräche mit anderen Pilgern oder Quartiergebern möchte er nicht missen.

"Viele Pilger kommen aus Umbruchsituationen", sagt Bahmüller. "Sie suchen nach der Trennung vom Partner, bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit oder in Orientierungskrisen einen neuen Ansatz. Oft finden sie den auch." Junge Leute - nach Schule oder Ausbildung - gingen ebenso auf Tour. Alle eint eine Erfahrung, sagt von der Heiden: "Beim Pilgern kommt man mit sich selbst wieder stärker in Kontakt."

Redakteure auf Wallfahrt

Unter den Gläubigen, die sich vergangenen Donnerstag auf den Weg nach Altötting machten, waren auch drei Redakteure der Oberpfalz-Medien. In einem Live-Blog berichteten sie von ihren Erfahrungen. Heike Unger berichtet nach der Ankunft am Samstag von ihren Erfahrungen:

"Hinter mir liegen 111 gelaufene Kilometer. Zeit für mich, ein kleines Fazit zu ziehen: Es war die erste Wallfahrt für mich nach Altötting und eine ganz außergewöhnliche Erfahrung. Drei Dinge haben mich besonders beeindruckt: Die riesige Menge an Menschen, die hier gemeinsam unterwegs ist - wirklich ergreifend erlebte ich das in der Lichterprozession heute Nacht. Zweitens: die wahnsinnige logistische Leistung unzähliger helfender Hände. Vielleicht noch am wichtigsten: die Herzlichkeit und Großzügigkeit der Gastgeber, die wildfremde Menschen wie liebe Freunde aufnehmen und bewirten.

In diesem Sinne: Liebe Grüße an Pfarrer Marius und die liebe Marianne! Jetzt tun mir die Füße weh. Aber es fühlt sich gut an nach einem langen Pilgerweg." (eik)

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Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/pilger-blog

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