Prozess nach Mord im Rocker-Milieu
Tödlicher Machtkampf

Mit Blaulicht ging es zum Landgericht in Leipzig. Bild: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Die Hells Angels sind im Rocker-Milieu nicht mehr die unangefochtene Nummer eins. Neue Clans drängen in die Reviere - mit manchmal tödlichen Folgen. Ein Leipziger Fall beschäftigt nun ein Gericht.

Leipzig. Im Gerichtssaal kommen sich die Feinde wieder ganz nah. Auf der Anklagebank: vier Rocker der Hells Angels. Und im Publikum sind zwei Reihen voll mit Mitgliedern des neueren Rockerclans United Tribuns, fast alle in hautengen T-Shirts über den trainierten Oberkörpern. Es geht um Mord.

Streit ums Revier

Der mutmaßliche Haupttäter, ein heute 31 Jahre alter Hells-Angels-Rocker, soll am 25. Juni vergangenen Jahres in Leipzig mehrere Schüsse auf Mitglieder der United Tribuns abgegeben haben. Ein 27-Jähriger starb, zwei Männer wurden lebensgefährlich verletzt. Die anderen drei Angeklagten sollen sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft mit "Gewalttätigkeiten" beteiligt haben. Ihr Ziel: den Tötungsplan vollenden. Zum Prozessauftakt wirken die vier Beschuldigten eher unscheinbar. Einzig der ehemalige Boss der Leipziger Hells Angels, ein 34-Jähriger, bekennt mit einem Harley-Davidson-Langarmshirt Flagge. Sein Leipziger Chapter gibt es nicht mehr. Kurz nach den Schüssen löste sich die Gruppe auf. Die United Tribuns dagegen sind noch aktiv. Die Fehde zwischen den beiden Clans ist eins der jüngsten Beispiele für Gewalt zwischen etablierten Rockern und Neulingen in dem Milieu.

Schon in seinem letzten Lagebild Organisierte Kriminalität spricht das Bundeskriminalamt (BKA) von einem Trend zur Gründung "rockerähnlicher Gruppierungen". Also Clans, die ähnlich aufgebaut sind wie etablierte Rocker-Gruppen, bei denen das Motorrad aber eine eher untergeordnete Rolle spielt; zum Beispiel die United Tribuns, eine im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen gegründete Gang mit Mitgliedern vorwiegend aus dem Türsteher- und Bodybuilder-Milieu.

Experten beobachten, wie diese zunehmend in andere Bundesländer drängt. Im Mai 2016 eröffneten die Tribuns in Leipzig ein Clubhaus - und drangen damit wohl in bislang unangefochtenes Hells-Angels-Gebiet ein. Wenige Wochen später kam es zu den Schüssen. Details und Hintergründe der Tat sind noch immer unklar. Die Verlesung der Anklage wurde gleich nach Beginn des Prozesses auf den 1. August verschoben. Die Verteidiger der vier Hells Angels hatten Einwände gegen die Schöffen. Außerdem erachteten sie eine psychologische Sachverständige als befangen.

Rüffel für Fotografen

Für den einzigen Schreckmoment des Vormittags sorgt der Vorsitzende Richter Hans Jagenlauf selbst - noch bevor überhaupt einer der Angeklagten den Raum betreten hat. "Raus hier", brüllt er - und meint damit nicht etwa Rocker, sondern eine Handvoll Fotografen, die sich in den Sicherheitsbereich hinter der Richterbank vorgewagt hatten.

Sonst passiert an diesem ersten Tag recht wenig im von unzähligen Polizisten streng gesicherten Gerichtssaal. Provokationen bleiben aus. Nur einer der Tribuns im Publikum muss den Raum verlassen. Er soll bei den Schüssen selbst zugegen gewesen sein und ist damit ein möglicher Zeuge. Nach Ende der Verhandlung warten draußen Dutzende Tribuns-Rocker - in schwarzen Westen und abgeschirmt von Polizisten. Schließlich ziehen sie ab, in Richtung Innenstadt. Hells Angels sind nicht zu sehen.
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